Wenn die Posidonia rund wird: von Seegras, Meerbällen und Küstenschutz

27. Mai 2017 | Von | Kategorie: Flora und Fauna, Naturschutz, Sardinien | Italiano
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Hast du dich auch schon mal gefragt, wo diese braunen, grasigen Bälle an manchen Stränden herkommen, und was sie eigentlich sind?

Kurz: Es sind die verfilzten Reste aus Seegras oder Neptungras, auf Sardinien einfach Posidonia genannt (nach ihrem wissenschaftlichen Namen Posidonia oceanica).

Ein Ball aus Posidonia am Reiskorn-Strand von Is Arutas

Ein Ball aus Posidonia am Reiskorn-Strand von Is Arutas

Das Seegras ist keine – wie viele spontan denken – Alge, sondern eine endemische Wasserpflanze im Mittelmeer (Darüber hinaus gedeihen Posidonias anderer Arten nur noch in Australien).

Das Gras ist im Prinzp wie eine ganz normale Pflanze, die an Land wächst – nur eben unter Wasser.

Es hat Wurzeln, eine Art Stängel, längliche bis zu einem Meter lange Blätter. Und manchmal auch Blüten – die allerdings nicht bunt, sondern ziemlich faserig sind. Aus ihnen werden Seebälle, Meerbälle oder »palle di mare«.

Seebälle sind sozusagen Seegras mit einem enormen Spaßfaktor – määähr dazu weiter unten 🙂

Besonders an der wilden Westküste, zum Beispiel bei Alghero oder Arborea, gibt es ganze Küstenabschnitte, an denen die Bälle angespült werden. Aber auch in Cagliari oder im Nordosten kannst du ihnen begegnen.

Wann wie wo Seegras anlandet und in welchem „Stadium“, ob als Ball oder als Blatt, ist abhängig von Jahreszeit, Wind, Wellen und Strömungen – an manchen Stränden ist das von Jahr zu Jahr anders, an anderen liegt immer Posidonia.

Viele kennen die Posidonia aus ihrem Strand- und Sommerurlaub. Wenn du von oben aufs Meer schaust, siehst du hier und da dunkle Flecken am sonst hellen Meeresboden. Das sind Seegrasfelder.

Soll Menschen geben, die sich an den dunklen Flecken im Türkiswasser stören ...

Traumhafte Costa del Sud: Soll Menschen geben, die sich an den dunklen Flecken im Türkiswasser stören …

Schrägerweise stört sich so mancher allein am Anblick – denn das reine Türkiswasser ist „befleckt“! Hach wie schlimm!

Doch doch – es gibt wahnsinnig viele Leute, die die Seebälle und die Reste der Posidonia an den Stränden als Dreck und störend wahrnehmen.

Doch eigentlich will jeder, dass die Posidonia da ist. Das schwarze Schaf versucht mal zu erklären, warum.

Der Sinn der Posidonia

Ein gesundes, dunkelgrünes Seegrasfeld ist Lebensraum für viele Arten. Es ist permanent „bei der Arbeit“ – um für uns alle Schadstoffe aus dem Wasser zu filtern.

Nur weil die Pflanze da ist, hat das Wasser an Sardiniens Küsten so eine wahnsinnig hohe Qualität. Wer sich wünscht, dass sie nicht da ist, bestellt damit quasi Brackwasser à la Ostsee. Denn das Mittelmeer ist ein Meer mit wenig Wasseraustausch und Bewegung. Das Seegras trägt dazu bei, dass es atmen kann und Flora und Fauna gedeihen – was wiederum auch dem Menschen nützt.

Lebensraum Posidonia: Hier bitte nicht ankern

Lebensraum Posidonia: Artenvielfalt im Seegrasfeld

Im Herbst blüht das Gras unter Wasser – allerdings nur sehr selten, etwa alle sechs bis zehn Jahre. Wobei natürlich alle Felder unterschiedlich alt sind, so dass jedes Jahr neue Felder bilden oder sterben.

Bis sich ein großes, stabiles Seegras-Feld gebildet hat, dauert es gut ein zehntel Jahrhundert.

Zum Winter verliert manch ein Feld sein „Laub“, bzw. stirbt ab. Diese Reste werden an Land gespült.

Gerade in diesem abgestorbenen Zustand ist das Seegras nützlich, nämlich um die Küsten intakt zu halten. Wenn du in der Nebensaison reist, kannst du zusehen, wie Stürme und Wellen an Stränden knabbern und dir ausrechnen, was von deinem Lieblingsstrand noch übrig wäre, wenn das Seegras nicht da läge.

Gäbe es die dicken Seegrasteppiche nicht, wäre so manch schöner Strand vielleicht im nächsten Jahr nicht mehr da oder viel schmaler.

Seegras-Teppich: vielleicht nicht wunderhübsch, aber extrem sinnvoll!

Seegras-Teppich: vielleicht nicht wunderhübsch, aber extrem sinnvoll!

In manchen ausgesprochenen Urlaubsgebieten, wo man Touristen nicht mit dem Anblick oder Gemüffel belästigen, geschweige denn sie umständlich über die Notwendigkeit aufklären will, wird getan, was gar nicht erlaubt ist: Grasteppiche werden mit Traktoren weggefahren, der Strand allabendlich geglättet und geplättet. Damit sich wieder alle mit ihren Handtüchern drauf pflanzen können und nichts das Urlaubsglück trübt.

Die Cala Brandinchi oder die Strände bei Capriccioli zum Beispiel – wunderschön für den Urlaubsmoment – haben sehr darunter gelitten. Die Strände sind fast steril. Dass hier irgendein Tier an Land oder zu Wasser leben will – quasi ausgeschlossen.

Im letzten Jahr wagte die Posidonia doch glatt, sich an Lu Impostu anzusiedeln – ein Aufschrei ging durch die Urlaubsgemeinden San Teodoro und Budoni. Die Folge? Traktoren rumpelten über den Strand und beseitigten alles Dunkel.

Nach der Saison sind diese Strände den Kräften des Meeres schutzlos ausgesetzt. Tatsächlich wird mancherorts zur beginnenden Saison Strandsand umständlich von einem Strand zum anderen gekarrt.

Ist dem Sommerurlauber natürlich erstmal egal. Hauptsache, der Strand ist schön sauber …

Dabei ist der massive Eingriff in die Natur gar nicht nötig. Denn lässt man der Natur ihren Lauf, werden die meisten Strände von ganz allein wieder weiß – außer vielleicht an den Kanten oder auf ein paar Quadratmetern. Und … was ist daran genau schlimm?!

Nebensaison an der Costa Smeralda: Posidonia-Reste und Strandspaziergang geht wunderbar zusammen

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Seegras ist kein Störfaktor

Viele betrachten die Posidonia als Müll, Dreck und Störfaktor. Warum das nicht richtig ist, erklären wir auch gern.

  • Die Posidonia oceanica ist DER Indikator für die Reinheit und Gesundheit des Wassers. Wo sie wächst, ist alles weitgehend in Ordnung.
  • In einem Seegrasfeld „befreien“ die Blätter durchschnittlich etwa 14 Liter Sauerstoff pro Tag aus zwei Quadratmetern Wasser.
  • Der spanische Meeresbiologe Carlos Duarte vom Mittelmeerinstitut der Balearen in Esporles/Mallorca stellte darüber hinaus fest, dass ein Hektar Seegras bis zu fünfmal soviel CO2 in Sauerstoff umwandeln kann, wie z. B. der Regenwald (Quelle: Wikipedia).
  • Die Posidonia produziert und transportiert Biomasse in angrenzende Meeresgebiete, die dort als Nahrung für Meeresbewohner dient.
  • Sie bietet Lebensraum für viele Arten, zum Beispiel für Organismen, die an ihren Blättern leben und anderen Tieren als Nahrung dienen.
  • Sie befestigt den Meeresboden und schützt ihn vor Erosionen, sprich: Der Sand bleibt da wo er ist, und wo er uns allen so gut gefällt.
  • Während sie lebt, schützt die Posidonia die Strände davor abgetragen zu werden: die langen Blätter reduzieren die Dynamik der Meeresströmung.
  • Auch die abgestorbenen und nicht so hübschen, aber nützlichen „Bänke“ aus totem Seegras, halten die Strände quasi fest.
  • Durch den Zersetzungsprozess geraten ähnlich wie bei Herbstlaub Nährstoffe in Boden und Meer, die im Kreislauf des Lebens unverzichtbar sind.

Und wie entsteht nun ein Meerball?

Zurück zu den faserigen Bällen. Sie entstehen im Frühling. Nach der „Blüte“ lösen sich die Fasern vom Stängel. Auch die Blätter sterben von der Spitze her ab und fasern aus.

So entsteht ein Meerball

Von der Blüte zum Ball

Diese „Grasreste“ sammeln sich am Meeresgrund und werden von der Strömung und dem Wellengang hin und her getrieben. Im Laufe der Zeit verbinden sie sich, verfilzen immer mehr, sind irgendwann ein Ball und werden an den Strand geschwemmt.

Oft findet man zwischen den Bällen auch noch Blütenreste und Stängel. Diese Bälle findet man vorwiegend im Frühling und im Herbst, an Stränden, die Wind und Strömung stark ausgesetzt sind. Die Pflanzen und Seegrasfelder selbst bevorzugen Orte mit leichterer Strömung.

Die Bälle sind wahnsinnig haltbar und verrotten extrem langsam. Sie sind daher auch als Dämmmaterial im Hausbau beliebt. Schon in früheren Zeiten wurden die angespülten Reste und Seebälle von den Küstenbewohnern z. B. im Oristanese verwendet, um Dächer zu isolieren.

Die Idee wird heute teilweise wiederbelebt. Auch überlegt man, damit Biogas zu produzieren. Kleine sardische Betriebe haben sich darauf spezialisiert und mitten in der Wirtschaftskrise ein neues Geschäftsfeld geschaffen. Sie sind tatsächlich für den Küstenschutz weniger wichtig als die Blätter – daher ist auch okay, sie neuen Zwecken zuzuführen.

Die Posidonia: eine bedrohte Art

Die Posidonia oceanica ist extrem wichtig für das Ökosystem des Mittelmeeres, aber leider eine bedrohte Art.

Meerball und Fischernetz

Meerball und Fischernetz

Fehlt die Posidonia ganz, ist das ein Zeichen für eine generell schlechter werdende Wasserqualität. Sprich: Schadstoffe aus Industrie und Schifffahrt sorgen für vermehrte Algenbildung im Meer, die der Posidonia den Atem raubt und somit den Rückgang beschleunigt oder die Wiederansiedelung verhindert.

Abwässer, die in das Meer gelassen werden und viele andere – auch private – Umweltsünden tun ihr Übriges.

Die zwar weitgehend untersagte, aber hier und da immer noch praktizierte Schleppnetzfischerei (olle Ausnahmeregelungen, ausgerechnet für Großfischereien) zerstört ebenfalls Seegrasfelder.

Last but not least noch eine Bitte an Segler und Bootsfahrer: Bitte wirf deinen Anker nicht direkt in so ein Feld. Auch die Ankerkette lege so auf den Meeresboden, dass die Felder in Ruhe gelassen werden. Wie viel Seegras durch die Ausflugsboote allein im Arcipelago di La Maddalena zerstört wird, geht auf keine Schafhaut …

Wenn es dann auch noch eben bis zu zehn Jahre Zeit braucht, bis sich ein neues Seegrasfeld gebildet hat, sind die heutigen Umstände in Summe einfach keine guten Lebensbedingungen für die Pflanze.

Du und das Seegras: leben und leben lassen

Stellt sich dem geneigten Schaf noch die Frage: Was mach ich, wenn nun an meinem Lieblingsstrand Seegras liegt? Nase rümpfen und gehen? Das schwarze Schaf hätte da andere Ideen und plädiert für eine friedliche Koexistenz. Denn die Dinger haben auch einen hohen Spaßfaktor!

  • Du kannst mit ihnen hervorragend Mini-Nuraghen oder Burgen bauen. Du kannst ein paar davon mitnehmen und Strandboccia spielen.
  • Im Meer mit Meerbällen Meerball spielen liegt natürlich auch sehr nah.
  • Nimm statt einem Frisbee einfach einen großen Meerball – die zuvor an Land getrockneten schwimmen nämlich eine ganze Weile. Denke dir die Spielregeln selbst aus: Versuche zum Beispiel, mit einem Meerball einen anderen auf dem Wasser zu treffen und so Punkte zu sammeln.
  • Auch ein Strandtag mit Hund kann mit den Dingern ziemlich kurzweilig werden.
  • Das schwarze Schaf hat zwar keine Lämmer, aber auch Kinder dürften sich über die Bälle sehr freuen und einige Fantasie entwickeln, was man mit ihnen machen kann.
  • Wenn es dir wirklich zu müfflig ist – was in einem bestimmten Stadium bei den Seegrasteppichen an Land durchaus sein kann, suche dir einfach einen anderen Strand. Bei über 1.800 km Küstenlinie dürfte das kein Problem sein ….
  • Oder schau ob du nicht zufällig in Windrichtung liegst … dann hat extrem viel Sinn, einfach den Liegeplatz zu wechseln.
  • Bei Seegrasfeldern im Wasser schnapp dir die Schorchelausrüstung und schau, was und wer alles darin lebt! Du kannst z. B. Fische, Langusten oder Seegurken entdecken.

Helft bitte alle mit, das Seegras zu schützen – dann bleiben auch der Lieblingsstrand und das Meer vor Sardinien so schön wie immer 🙂

Quellen:

Dieser Beitrag wurde zuerst 2013 veröffentlicht und im Mai 2017 überarbeitet.

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5 Kommentare auf "Wenn die Posidonia rund wird: von Seegras, Meerbällen und Küstenschutz"

  1. Danke für diesen Bericht, wir hatten gestern auf einem Strand von
    Calgari unseren Spaß mit diesen lustigen Bällen. Das Rätsel um dieses Naturphänomen haben Sie mit Ihrem Bericht gelöst.

    • nicole sagt:

      Vielen Dank für ihren Kommentar! Das hat mich daran erinnert, dass ich diesen Artikel eh nochmal überarbeiten wollte – und das heute früh einfach mal getan habe. Määährci & weiterhin viel Spaß!

  2. Sandra Gloor sagt:

    Herzlichen Dank für diesen tollen Bericht!
    Wer in Sardinien Ferien macht, schätzt die Qualität des Wassers!
    Daher an Alle: Schützt die Natur! Keinen Abfall in das Meer schmeissen oder am Strand liegen lassen. Für das gibt es Mülleimer…

  3. Stefano sagt:

    Danke für diesen hilfreichen Bericht!
    Möge er weite Verbreitung finden und in den Köpfen der Touristen die richtigen
    Denkprozesse in Gang setzen.
    Ein „Ihhh, da waren ja Algen am Strand“ sollte dann der Vergangenheit angehören und
    einem „Cool, die Dinger sind ja extrem nützlich für das Ökosystem Meer“ weichen.
    Gruß
    SK.

  4. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, den ich sehr gerne teile.
    Mensch und Natur sollten wieder zusammen finden und dies ist ein genialer Beitrag dazu.
    Hoffentlich lesen dies viele Familien und deren Kinder und wir alle nutzen dieses Spielzeug. Besser als Plastik!

    Möge der Beitrag seinen Weg um die Welt finden und unsere Natur schützen.
    Gruß
    Judith

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