Die Insel im Winter zu bereisen, ist für viele immer noch eine große Unbekannte. Die meisten erwarten nur einen etwas kühleren Sommer. Tatsächlich tummelt sich das Wetter zwischen warmer Sonne in den niedrigen und eisigem Schnee in den höher gelegenen Regionen, garniert mit stürmischen und regnerischen Tagen.

Farben im Winter

Farben im Winter

Wer sich jetzt auf die Insel wagt, wird mit einem Traum aus purer Natur, mit Einblicken in die sardische Seele und mit wahrer Gemütlichkeit belohnt.

Zugegeben, die Insel macht es dir gleichzeitig nicht leicht.

Der ein oder andere drohte schon depressiv zu werden, denn es ist auch oft nass, grau und kalt. Und einsam.

Winter: Alles zu oder nur woanders?

Das wirklich Gute: Alles läuft deutlich gemächlicher als im Sommer.

Man dreht nicht auf 100%, und Dinge passieren auch nicht von jetzt auf gleich. Und wenn es ganz übles Wetter ist, mummelt man sich ein und macht die Schotten dicht. Aber das ist ja nur verständlich.

In den touristischen Orten verschwindet das Leben allerdings fast vollständig. Geöffnete Restaurants, Hotels oder B&B musst du wirklich suchen.

Das heißt, du musst Wege in Kauf nehmen und Kontakt zu den hier lebenden Menschen aufnehmen.

Was nicht die schlechteste Idee ist!

Costa Smeralda im Winter

Costa Smeralda: erst im Winter wirklich privat

Du findest das Leben in den gewachsenen Orten, in denen auch Einheimische leben: Alghero, Belvì, Carloforte, Dorgali, Escalaplano, Fonni, Guspini, Iglesias, Jerzu, La Maddalena, Nuoro, Oliena und und und …

Dem schwarzen Schaf fallen so viele Orte ein, in denen Leben, Aktivität und Menschen sind. Da die auch gern essen gehen und sich beschäftigen wirst du hier fündig. Geschäfte und Busse, die die Einwohner und Schulkinder brauchen, gibt es fast überall.

Für das Wichtigste ist also immer gesorgt. Du musst dich nur ein wenig anstrengen.

Flexibilität, vor allem im Denken, ist enorm wichtig: Wer hofft, in Porto Cervo oder Porto Rotondo im Winter Party und Jetset zu finden, der wird natürlich enttäuscht.

Wer sich hingegen in der Inselhauptstadt Cagliari oder in der Universitätsstadt Sassari einnistet, der darf so einige spannende Events erwarten. Wer dann noch bereit ist, mal in eine andere Region zu fahren und sich von der Küste zu trennen, wird richtig belohnt.

Schwierig wird die Suche jedoch in Orten wie Cannigione, Chia, Isola Rossa, oder in den Siedlungen an der Costa Rei …

Hier ist es zwar im Sommer ganz hübsch, aber es gibt einfach keine organisch gewachsenen Strukturen. Selbst große Orte wie Cala Gonone oder Villasimius scheinen im Winter wie ausgestorben. Wenn überhaupt, dann versuchen nur einzelne kleine Betriebe hier molto corraggioso / sehr mutig – ihr Glück.

Da ist dann Ausschwärmen in die Umgebung angesagt, um satt zu werden.

Traumhafte Winterwanderung im Gennargentu

Schnee! Traumhafte Winterwanderung im Gennargentu

Wenn du dann nach Suchen und Finden in einem Restaurant oder Agriturismo einkehrst, sind das oft wahre Perlen. Denn die Gastgeber sind vielfach darauf angewiesen, nicht bei leicht zu begeisternden Touristen, sondern bei Einheimischen Anklang zu finden, die wissen, wie gute Hausmannskost, Pasta oder Pizza geht. Nebensaisonbetrieb geht ausschließlich über Qualität und Authentizität.

Dass die Auswahl klein ist, dafür gibt es Gründe auf beiden Seiten. Die Gastgeber sagen sich: Warum öffnen, wenn keiner kommt? Die Reisenden sagen: Warum kommen, wenn nichts offen hat?

Das ist der Preis des über Jahre gepflegten und weit verbreiteten, positiven Vorurteils, Sardinien sei nur ein Sommer-Strand-Reiseziel.

Ganz anders als erwartet

Aber in Wahrheit ist ja alles da. Nur anders als gewohnt und erwartet. Und das hat durchaus Charme.

Sonnenuntergänge vom Feinsten in der Gallura

Sonnenuntergänge vom Feinsten in der Gallura

Die Perlen findest du jetzt in Orten, die viele nicht auf dem Schirm haben. Die etwas im Hinterland liegen oder unbekannt sind.

Und weil du bei maximal 15 Grad Wasser und Lufttemperatur auch keinen Strand vor der Haustür brauchst, heißt der Auftrag: Geh ins Hinterland.

Du bist im Winter in einem B&B mitten im Gennargentu deutlich besser aufgehoben. Ein idealer Ausgangspunkt für Wandertouren an den verschneiten Hängen. Oder für einen sehr individuellen Skiurlaub, denn auf dem Bruncu Spina liegt zu dieser Zeit oft Schnee.

Exkursionen sind die Lieblingsbeschäftigung vieler Sarden im Winter. Trekkingtouren finden meistens an den Wochenenden statt und führen dann zu wirklich schönen, verborgenen Plätzen.

Unten am Meer musst du dich ein bisschen anstrengen. Aber mit ein, zwei Tagen Wartezeit und etwas Flexibilität finden sich sogar Einheimische, die dich gern auf einen Tauchausflug und Segeltouren mitnehmen (wenn es nicht zu kalt oder stürmisch ist).

Fragen hilft immer. Mag auch sein, dass du keinen Guide findest, aber trotzdem glücklich wirst: Ein Freund vom schwarzen Schaf bekam mal mitten im Dezember in Santa Maria Navarrese ein Kajak in die Hand gedrückt und ist damit zur Isola Ogliastra gefahren. Eines der schönsten Ferienerlebnisse seines Lebens.

Das schwarze Schaf ist überzeugt: Mit ein bisschen Vorbereitung, Aufgeschlossensein und Flexibilität findet jeder etwas Tolles.

Wintergast am Stagno Molentargius in Cagliari

Wintergast am Stagno Molentargius in Cagliari

Italienische Sprachkenntnisse sind dabei sehr von Vorteil, denn jetzt hilft nur: Fragen fragen fragen. Aber das ist ja auch im Sommer ein Schlüssel zur Insel.

Und im Zweifel funktionieren Hände und Füße ebenso gut. Manchmal sogar besser.

Der Januar auf Sardinien

Nehmen wir den Januar. Oder in den sardischen Sprachvarianten: bennarzu, bennardu, bennasu, gennarzu, zannarzu, janargiu, cennalzu, gennàgliu, ghennàgiu, giannàgliu, giannàrgiu, giannarju, ghennarzu, ghenuàggiu, jannarju, zannarju, zennarju, zennarzu, zannarju, gennaju, gennàrgiu, gennarxu, gennaxu, ginnàggiu, giunàggiu, ghjnnagghju …

Nur jetzt: Orangen im Schnee

Nur jetzt: Orangen im Schnee

So vielfältig wie seine Namen sind die Inselregionen und -dörfer, aus denen sie stammen. In jeder Region der Insel gibt es etwas zu entdecken, was kein Sommerreisender je sehen wird.

Und warte nicht drauf, dass die Sonne scheint. Das Nicht-Strahleblauerhimmel-Wetter hat absolut seinen Reiz.

Manchmal ändert sich das Wetter an einem Tag fünfmal, springt zwischen Sonnen und Regenwolken hin und her.

Der stürmische Wind wühlt das Meer auf, oder schläft so weit ein, dass die Meeresoberfläche wie ein Eissee aussieht, und man sich in den Bergen auf einem warmen Stein setzen und ein Sonnenbad nehmen kann.

Die “Secche di Gennaio”, eine trockene Zeit in der Monatsmitte, soll ein Sommerbote sein: Ist es dann schön und sonnig, wird auch der Sommer gut. Ok, davor kommt noch der Februar, traditionell der Schlechtwettermonat, den es auszuhalten gilt …

Jetzt werden morgens und abends Lichter auf das Auge losgelassen – zwischen Gelb und Blau, Rot und Orange, Violett und Schwarz. Das Meer ist mal ganz hell eisblau, dann wieder dunkelgrün oder silbrig-schwarz wie Quecksilber, sandfarben vom aufgewühlten Meeresboden, dunkelviolett wenn dicke Regenwolken darüber ziehen oder kitschig rosa, wenn der Abend schön ist …

Feste feiern im Landesinneren

Feste feiern im Landesinneren

Ein Monat für Naturfreunde, denn wenn die Sonne rauskommt, dann sorgt sie für eine enorme Weitsicht. Wer jetzt auf dem Monte Limbara, Monte Corrasi oder gar der Punta Lamarmora steht, weiß, wovon das Schaf redet.

Trekking ist auf allen Wegen nahezu ohne weitere menschliche Gesellschaft möglich. Und wenn du doch jemanden triffst, dann weißt du: Der ist vermutlich auf der gleichen Wellenlänge.

Nicht selten ergeben sich neue nette Bekanntschaften, einfach so.

Feste feiern

Wenn du irgendwann doch wieder Kontakt brauchst: Das wichtigste Fest ist Sant’Antonio, bei dem große Feuer auf entzündet werden und die Menschen egal bei welchem Wetter draußen auf den Plätzen der Orte sind. Es ist ein Fest zu Ehren eines Heiligen, der Tier und Mensch segnet, wird aber sehr hemdsärmelig und weltlich gefeiert.

Reserviere dir die Zeit vom 16.-18. Januar und reise in die Dörfer der Inselmitte. Schon früh soll dem Winter ein Ende gemacht werden: Um die Feuer wird gesungen und getanzt, die Frauen verteilen selbstgemachtes Gebäck.

Feuer zu Sant'Antonio

Feuer zu Sant’Antonio

In der Barbagia markiert »Su Fogu« den Beginn des sardischen Karnevals. Es ist die Zeit für Traditionen und Fröhlichkeit.  

Und sei dir sicher: Die Menschen sind wie immer sehr gastfreundlich und organisieren dir gern ein Zimmer und ein warmes Essen. Du musst nur auf sie zugehen.

Was nicht schwer sein dürfte. Du triffst gerade im Winter auf sehr viel Wärme und Herz.

Auswandern? Winter als Testballon

Wer sich mit dem Gedanken trägt, nach Sardinien auszuwandern (und das sind nach einem Sommerurlaub nicht wenige) sollte genau jetzt auf die Insel kommen und bis sagen wir, Ostern bleiben.

Das schwarze Schaf kann allen Sardinien-Liebhabern und Sommerreisenden nur empfehlen, im Winter auszutesten, wie belastbar ihr “Einsamer-Wolf-Gen” ist.

Ein einwöchiger Urlaub im Oktober, November, März, April ist ein Anfang, aber zählt definitiv nicht. Da ist alles noch viel zu einfach.

Du musst im Alltag klarkommen und die Probleme des Winters lösen: Einkaufen, wenn nicht alles offen hat. In feuchter Winterluft ohne Zentralheizung und nur mit Kamin oder Klimaanlage leben. In den 50 Kilometer entfernten Baumarkt fahren, wenn in deiner Wohnung was kaputt ist. Mit Schietwetter klarkommen.

Was, wenn du merkst, dass du in Wirklichkeit gar kein Italienisch sprichst? Wenn dein Urlaubs-Italienisch an seine Grenzen gerät?

Das spürst du am ehesten, wenn du krank oder erkältet bist, und mit 20 anderen in einem eiskalten Wartezimmer beim Arzt sitzt (und die guten sind oft nur in der nächsten Stadt zu finden). Oder wenn du versuchen musst, in der Apotheke das zu bekommen, was dir hilft, ohne beschreiben zu können, wie du dich fühlst.

Super auch, wenn du einen Platten an deinem Auto wechseln musst oder der elektrische Fensterheber seinen Geist aufgibt – was natürlich genau in einer ausgiebigen Regenphase passiert …

Erst dann wirst du wissen, wie inseltauglich du wirklich bist und wie gut du auf Sardinien leben kannst.

Vielleicht merkst du auch, dass du Infrastruktur und urbanes Leben unbedingt brauchst. Dass die immer selben rotnasigen Typen in der Dorfbar keine Freunde ersetzen.

Dass dir schon nach kurzer Zeit deine Heimat und deine gewohnten Abläufe fehlen. Was, wenn du merkst, dass der morgendliche Gang zur S-Bahn und der Filterkaffe dir einfach ans Herz gewachsen sind? Oder dass der Elbstrand oder die Spree viel zu weit weg sind?

Im Winter sammelst du die wirklich wertvollen Erkenntnisse.

Aber vielleicht ist die Einsamkeit im Winter auch perfekt für dich. Die Insel ist in den Wintermonaten definitiv zum Verlieben.

Und wenn die Sonne rauskommt, ist der Winter ja wirklich wie ein kleiner Sommer.

Reiseziel Sardinien im Winter

Ob sie in den Köpfen ein Reiseziel im Winter wird, ist fraglich. Vielleicht aber auch nur eine Frage der Zeit.

Wie viele Einheimische ist auch das schwarze Schaf ein bisschen froh, dass das verrückte Touristen-Spektakel nur in der Hauptsaison stattfindet. Gegen vorsichtigen, ehrlichen Qualitätstourismus im Einklang mit Kultur und Natur hat hingegen niemand etwas einzuwenden.

Im Moment ist die Insel im Winter jedenfalls noch ein wahrer Geheimtipp.

Das schwarze Schaf blökt so laut es kann: Gerade jetzt ist die Zeit für Perlentaucher und Entdecker!

2 Comments

  1. Marco

    13. Januar 2017 at 17:33

    Ach liebes Schaf,

    wie sehr Du mir aus der Seele sprichst. 100% wahre Worte. Bin ja auch erst seit drei Wochen wieder hier, in meiner warmen, mit Fußbodenheizung ausgestatteten Wohnung. Knappe 2 Wochen durfte ich vor Weihnachten auf Sardinien den sardischen Winter geniessen. In unserem Haus, ausgestattet mit einfach verglasten Fenstern und einem offenen Kamin, der dich auf der einen Seite des Körpers mit seiner Hitze anschreit, während die andere Seite klammfeuchtkalt ist.

    Und doch ist der Lohn ein toller. Glasklare, frische, leckere Luft. Ein tolles Meer mit unglaublich vielen Farbnuancen. Einsame Wanderungen durch die Gegend. Alleine im warmen Sand am Meer sitzen. Unglaubliche Sonnenuntergänge erleben… Und so viel mehr.

    Danke für deine tollen Berichte!

    Liebe Grüße,
    Marco

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sardinien-Impressionen von unterwegs

  • Olbia in der Nebensaison sardinienimnovember sardinien nebensaison blau sardinienreisebuch
  • Gran bello gatto  nei boschi di SeuloSadali  sonohellip
  • Jaaaa bei sardiniaferries bekommen schwarze Schafe schonmal den roten Teppichhellip
  • Das schwarze Schaf ist heute in Berlin beim Circolo Sardohellip
  • Vermutlich das wichtigste Denkmal der Welt  probabilmente il monumentohellip