Ein echtes kleines Schmuckstück ist San Salvatore di Sinis, ein »goiello«. Kurz hinter Cabras liegt das verschlafene Nest.

Das unscheinbare, verwitterte Straßenschild und die erste schlichte Häuserzeile lassen kaum vermuten, dass sich hier Kultur vom Feinsten und gleich mehrere spannende Geschichten um diesen Ort ranken. Und das, obwohl es im ganzen Jahr quasi komplett unbewohnt ist.

Mexiko ode Sadinien?

Mexiko oder Sardinien?

Beginnen wir mit der berühmtesten. Wenn ein Sarde irgendwo einen Menschen barfuß laufen sieht, dann sagt er: »Der kommt bestimmt aus Cabras«.

Denn in der schönen Stadt am See wird eine ganz besondere Tradition gepflegt: die Corsa degli Scalzi / der Barfußlauf.

Corsa degli Scalzi: Barfuß von Cabras nach San Salvatore

San Salvatore di Sinis ist quasi nur dann, einmal im Jahr, richtig belebt. Das Event und die damit verbundenen Rituale und Traditionen sind wirklich noch authentisch und sehr sehenswert.


Barfuß rennen die Is Curridoris, männliche Einwohner von Cabras, von der dominanten Kirche ihres Ortes bis in den etwa sechs Kilometer entfernten Ort. Sie tragen dabei eine Fahne und die Statue des Heiligen Salvatore in das gleichnamige Dorf.

Corsa dgli Scalzi

Corsa degli Scalzi, Bild in einem B&B in Cabras

Das Fest ist eine Reminiszenz an eine Begebenheit im Jahr 1619. Die Einwohner sahen sich einem Angriff der Sarazenen gegenüber – und brachten ihre wertvolle Heiligen-Statue in einem schnellen, frühmorgendlichen Lauf in Sicherheit. Der Plan ging auf, die Statue konnte später unversehrt wieder zurückgeholt werden.

Eine Festwoche, die bereits Ende August mit einem Umzug der Frauen von Cabras in traditionellem Kostüm nach San Salvatore beginnt.

Der Barfußlauf findet am Sonnabend und Sonntag statt. Ein Event für Frühaufsteher am Samstag: Bereits um 6:30 gibt es den Segen in der Kirche von Cabras, um 7:30 rennen die Is Curridoris in ihrem schlichten Gewand und ohne Schuhe los, bleiben zum abendlichen Fest der Meeräsche / Sagra della Muggine in dem Dorf.

Die Rückkehr ist am nächsten Abend, nach weiteren Festlichkeiten und einer Messe. Gegen 18:30 tragen sie die Statue zurück nach Cabras. In der Kirche kann jeder Gläubige sie anfassen. Das hat was von Mekka in mini.

Auf dem Platz an der großen Kirche am See wird bis spät in die Nacht gefeiert. Wobei viele der Erst-Läufer nach den Strapazen der beiden Tage ihre Wunden kühlen und nach Hause gehen.

Pratza de Sa Festa - der grosse Festplatz ist nur selten voller Menschen

Pratza de Sa Festa – der grosse Festplatz ist nur selten voller Menschen

Die staubige Szenerie in San Salvatore und auf dem Weg dorthin erinnert ein bisschen an den Wilden Westen. Fehlen bloß Cowboys und Indianer. Die waren aber auch mal da:

Spaghetti-Western in San Salvatore di Sinis

Denn San Salvatore war zur Zeit der Spaghetti-Western ein beliebter Drehort, auch für einzelne Szenen, da das Dorf mit seinen Häusern und seinem großen Platz auch mitten in Mexiko oder dem alten Texas liegen könnte.

Filmkulisse vom Feinsten

Filmkulisse vom Feinsten

Ein Film wurde ausschließlich in San Salvatore gedreht: Er trägt den klangvollen Namen Strumpfband-Colt / Giarretteria Colt. Zu internationaler Berühmtheit hat es der Streifen nie gebracht, auch in Italien rangierte er eher unter ferner liefen.

Aber für ein paar Wochen war Alarm in dem kleinen Dorf, mit Filmteam, Komparsen und vielen Einheimischen, die sich auch heute noch gern daran erinnern.

Das Highlight in San Salvatore liegt allerdings verborgen.

Ein Tempel für Mars und Venus

Unter der kleinen Kirche, die so heißt wie das Dorf, San Salvatore, liegt ein römischer Tempel; erbaut für Kulte um Mars und Venus.

Das Ipogeo – was einen unterirdisch liegenden Ort bezeichnet –  wurde wie die Kirche genau an einer heiligen Stätte aus der Nuraghenzeit errichtet. Hier fand man Wasser und seit jeher wohnt dem Ort etwas Besonderes inne.

War Mars ein Esel?

War Mars ein Esel? Die Zeichnung bleibt unerklärt …

Die Wandmalerein bzw. Zeichnungen erinnern ein bisschen an eilige Skizzen. Und vermutlich ist es auch so, dass Gläubige sich hier verewigt haben.

„Ich mag deswegen auch moderne Murals“, sagt der Custode, ein Mann der Kirche, der auch Hausmeister des Tempels ist. „In tausend Jahren ist das Kultur. Alles entwickelt sich. Aber trag dich gern ins Gästebuch ein, und nicht auf die Kirchnwand.“ Humor hat der Gute.

Und du … Falls du im September gerade auf der Insel bist, plane einen Ausflug ein. Der aktuelle Termin für die Corsa degli Scalzi: 2./3. September 2017, Infos zur in italienischer Sprache auf www.corsadegliscalzi.it / Programm als JPG. Unser Tipp für eine tolle Unterkunft:  Wir haben wunderbar gewohnt, geschlafen, gefrühstückt – kurz, uns zuhause gefühlt – in der Residence Sa Pintadera, am südlichen Ortseingang von Cabras: www.sapintadera.it

Mehr Ideen für die Sinis-Halbinsel findest du hier oder in unserem schwarzschafigen Sardinien-Buch.

Hinunter ins Gewölbe von San Salvatore!

Hinunter ins Gewölbe von San Salvatore!

Und vielleicht bekommst du ja direkt am Ort – wie wir – frisch gefangene und gegrillte Muggine zum Sensationspreis von 5 Euro einzeln oder 10 bzw. 15 Talern als
Menü, in einem Hinterhof mit vielen netten Leuten angeboten!

Muggine arrosto - gegrillte Meeräsche

Muggine arrosto – gegrillte Meeräsche aus dem See von Cabras

Denn auch das ist das echte Sardinien – nicht die schick vom Kellner filetierte Dorade für 28 Euro in einem Restaurant, in dem die Rechnung am Ende knapp 100 Euro ausmachte. Auch mal schön, aber eben nicht die ganze Wahrheit über Sardinien.

Es gibt sie noch die wahren Perlen auf Sardinien. San Salvatore di Sinis ist mit Sicherheit eine davon.

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