Alghero und Barcelona. Zwei Städte, die von der Geschichte, von gemeinsamer Kultur und gemeinsamen Bräuchen und nicht zuletzt durch die katalanische Sprache wie aneinander gekettet sind.

Beide liegen etwa auf dem auf dem 40./41. Breitengrad – behauptet das Rückenetikett des Weines »Parallelo41« aus dem Hause Sella e Mosca bei Alghero. Wir forschen in beiden Städten nach Gemeinsamkeiten.

Alghero, Sardinien

(katalanisch: L’Alguer, Koordinaten: 40° 33′ N, 8° 19′ O)

Alghero, das sich heute friedlich an das Meer schmiegt, hat von dort nicht nur Gutes erfahren.

Gerade hier scheint der Satz, der sich bei vielen eingebrannt hat, zu passen: »Furat chie benit dae su mare« – »Wer über das Meer kommt, stiehlt.“ Der ist zwar genau genommen erst viel später entstanden, aber passt hier genauso gut. Denn als das Haus Aragon über das Meer kam, hat es sich genommen, was es wollte.

Die Besatzung durch das Haus Aragon

Nachdem die Familie Doria aus Genua anlandete und im 12. Jahrhundert in der Nähe einer kleinen Siedlung eine Burg errichtete (und damit die Stadt begründete), wurde Alghero 1353 von den Katalanen erobert. Diesem einfachen letzten Halbsatz begegnet man in jedem Reiseführer – und gleich im nächsten Atemzug wird die katalanische Kultur gelobt und davon gesprochen, wie „liebevoll“ die Katalanen Alghero ihr „Barceloneta“ nennen.

Als Strandurlauber und Jungverliebter in die Insel neigt man dazu, diese Vereinfachung und Verniedlichung zu akzeptieren. Doch will man Gemeinsamkeiten erkunden, ist kein Vorbeikommen an der Historie und an der Einbahnstraße Spanien-Sardinien.

Pietro IV di Aragona il Cerimonioso (del Punyalet) bevölkerte und kolonialisierte die Stadt mit Katalanen. Der war dabei gar nicht liebevoll oder niedlich: Der strategisch wichtige Meeresposten Sardinien wurde bis aufs Blut erkämpft und später verteidigt.

Bezahlt haben das vor allem die Sarden, mit ihrem Leben oder „nur“ mit dem Verlust ihrer Heimat und ihres Zuhauses, aber letztlich mit ihrer Freiheit, mit ihrem eigenen Land. Mitgereiste spanische Grafen und Herzöge enteigneten die Sarden, vertrieben die Familien und nahmen die Ländereien in Besitz.

Villanova Monteleone, glanzloser Neuanfang nach der Vertreibung

Villanova Monteleone, glanzloser Neuanfang nach der Vertreibung

Das haben die Sarden na klar nicht freiwillig hergegeben. Doch trotz massiver Gegenwehr machten die Briefe des Königs von Aragon einzelne Adlige zu Eignern der eroberten Ländereien – auf der ganzen Insel. In und um Alghero dauerte die Vertreibung der Sarden (und auch der Genueser) insgesamt etwa zwanzig (!) lange Jahre.

1372 hatte Aragon endgültig die Oberhand, die letzten »Algheresi« zogen mit dem, was von ihren Familien und ihrem Hab und Gut noch übrig war, in die Bergregion. Östlich von Alghero gründeten sie Villanova Monteleone – bis heute ein kleines verschlafenes Bergdorf.

Befreiung schaffte erst die Giudicessa Eleonora d’Arborea (verheiratet übrigens mit Brancaleone Doria, einem Mitglied der erwähnten angesehenen Gründerfamilie).

Katalanisch überall

Spanisch, Italienisch, Katalanisch oder Algherese?

Spanisch, Italienisch, Katalanisch oder Algherese?

Das dunkle Mittelalter hat Einfluss bis ins Heute.

Wer durch Alghero spaziert, findet nicht nur katalanische Straßenschilder, sondern auch viele Attraktionen, die aus der Zeit der spanischen Besatzer herrühren: Trattorien tragen spanische Namen, an Sommerabend klingen spanische Gesänge durch den Ort und sogar der gänzlich uniberische (und auch unsardische) Touristen-Zug, der durch die Stadt fährt, nennt sich Treno Catalunyo.

Man findet hier Paella auf den Speisekarten, und der Hummer katalanischer Art („Aragosta alla Catalana“, mit Tomaten, Zwiebeln und Weißwein. Probiert ihn einfach direkt vor Ort, z. B. im Ristorante Al Tuguri.Spätestens beim Essen scheint sich alles mit der Vergangenheit arrangiert zu haben.

Im Hintergrund der Turm der Chiesa di San Francesco, im gotisch-katalanischen Stil

Im Hintergrund der Turm der Chiesa di San Francesco, im gotisch-katalanischen Stil

In Alghero sprechen gut 20% der Bevölkerung noch das »Catalano Algherese« als erste Sprache, als Zweitsprache weitere knapp 15%. Die katalanische Sprache war im 17. Jahrhundert die offizielle Sprache (später Spanisch, noch später Italienisch).

Es besteht eine enge sprachliche Verwandtschaft zu den beiden in der Region gesprochenen sardischen Dialekten, Lugudorese und Sassarese (wer zuerst da war, das ist so ein bisschen eine Henne-Ei-Geschichte und etwas für Sprachforscher).

Wenn einem also spanisch (was ja falsch wäre) vorkommende Worte an den Straßen in Alghero begegnen, hätte man einige Mühe herauszufinden, ob das nun Katalanisch oder Sardisch ist.

Mehr über den „Dialetto Algherese“ in der italienischen Wikipedia – die Wortliste gibt einen kleinen Einblick in die Sprache und hilft beim Entdecken des Katalanischen vor Ort.

Das Lied vom Ende der Welt

Und dann war da noch dieses Lied, „Cant de la Sibil.la“ (der Punkt zwischen den beiden „l“ ist eine typografische Besonderheit der katalanischen Sprache), das die Wiederkunft Christi zum Jüngsten Gericht, zur Apokalypse beschreibt. Der „Gesang der Sybille“ in der Cattedrale di Santa Maria di Alghero wurde 2010 zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe ernannt.

Die Verbindung zu Barcelona? Das aus dem Mittelalter stammende lateinische Gesangsstück wurde im 13. Jahrhundert zunächst ins Provencalische, und auch ins Katalanische übersetzt. Von dort aus fand das Liedgut von der Region Barcelona auf dem Seeweg nach Sardinien. Interessant dabei ist, dass Barcelona das Lied, das traditionell in der Weihnachtsnacht gesungen wird, mittlerweile fast vergessen hat. War es einst im gesamten Mittelmeerraum verbreitet, wird es heute nur noch in Palma de Mallorca und in Alghero gesungen.

Algheros wehrhafte Stadtmauer

Algheros wehrhafte Stadtmauer

Mehr Informationen gibt es in der Nuova Sardegna (in italienischer Sprache) und auf Suite101.de: In der Christmesse: Lied vom Ende der Welt: Der Gesang der Sybille . Außerdem zum „Song of the Sybil“ in der Wikipedia (englischer Artikel).

~ Wie vorhin schon erwähnt, wird Alghero auch Barceloneta, la piccola Barcellona, das kleine Barcelona genannt. Da wollen wir mal sehen, was das große kann und begeben uns auf die Suche nach Gemeinsamkeiten. ~

Barcelona, Spanien

(Koordinaten: 41° 24′ N, 2° 10′ O)

Wen man auch fragt: Auf den ersten Blick hat Barcelona mit Alghero nicht so wahnsinnig viel gemein.

Es gibt wohl die ein oder andere Befestigungsanlage in Barcelona und auch ein paar enge Gässchen, wir sind halt am Mittelmeer, da baut man so. Ansonsten ist Barcelona aber einfach deutlich größer, kreativer, architektonisch und künstlerisch vielseitiger.

Alghero von oben

Alghero von oben

Barcelona von oben

Barcelona von oben

Der Direktvergleich hakt also schon zu Beginn ein bisschen. Wir entfernen uns ein paar Kilometer Richtung All und gucken einfach mal von ganz oben auf die beiden. Und siehe da: Aus diesem Winkel könnte man schon denken, dass Alghero eine Miniaturausgabe der katalanischen Großstadt ist… Barceloneta eben.

Das Meer

Vor allem hat Barcelona mit Sardinien ein gemeinsames Meer. Die iberische Stadt blickt Richtung Osten hinüber, die sardische Richtung Westen. Sie sehen sich quasi an.

Wer nicht schwimmen will, überwindet die ca. 350 Seemeilen Wasserweg am besten per Schiff – gemächlich per Segelboot oder mit der Fähre von Porto Torres. Irgendwo auf dem Weg wird aus dem „sardinischen Meer“ das „katalanische Meer“. Man kann natürlich auch ganz profan fliegen – in der Hauptsaison täglich von Alghero nach Girona.

Die Fahne des Hauses Aragon: i quattro mori

Wappen des Hauses Aragon

Wappen des Hauses Aragon

Das Haus Aragon „vermachte“ Sardinien ein Teil seines Wappens: Vier Köpfe mit einem Stirnband, geteilt durch zwei rote Bänder, die ein Kreuz bilden (das Kreuz des Heiligen St. Georg).

In der sardischen Fahne – deren komplexe Entwicklung und Geschichte wir ein anderes Mal erzählen wollen – sind zwei grundlegende Unterschiede: Die Fahne besteht aus vier rein schwarzen Köpfen („die vier Mohren“ oder „i quattro mori“) und das piratenähnliche Kopftuch wurde zu einer Stirn- oder Augenbinde. Doch dazu später mehr.

Der Torbato

Ach ja… der Torbato… *seufz* … Da war da ja noch der Wein, mit dem alles anfing… Die Katalanen brachten die Traube nach Alghero (wo sie heute vorwiegend angebaut wird). Sie stammt vermutlich aus dem Weinanbaugebiet Montsant – die älteste, weinbaubetreibende Kataloniens, etwa 30 km südlich von Barcelona und westlich von Tarragona. Sie gehörte schon im Mittelalter zu den bedeutendsten Weinbaugebieten Spaniens. An den Hängen des Montsant (ein gestrecktes Bergmassiv mit mehreren Gipfeln über 1.000 Metern) wächst – neben vielen anderen lokalen Trauben, eben auch der Torbato.

… Das kann an Gemeinsamkeiten nicht alles sein – unsere Recherche ist noch nicht vorbei! Wir nehmen auch gern sachdienliche Hinweise unserer Leser entgegen. Aber wir haben beschlossen: Unser nächstes „außersardisches“ Reiseziel ist Barcelona – wir werden berichten!

Solang stöbert gern mit uns weiter, hier gibt es mehr über Alghero und Barcelona:

… und jetzt noch was fürs Auge: Impressionen aus Alghero.

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