Der Aufstieg ist mühsam. Die Sonne brät auf die schwarze Wolle, während das Schaf langsam aber sicher den Berg hinauf zockelt.

am Hang des Monte Lollove

am Hang des Monte Lollove

Die kleine Straße aus brüchigem Teer und Schotter zieht sich etwa fünf Kilometer von einem Tal um einige Ecken und schließlich den Hang des Monte Lollove hinauf, dessen Gipfel nie zu sehen ist, zu flach ist das Panorama.

Immer wieder blickt das Schaf ins Tal hinab und ist überwältigt vom satten Dunkelgrün der Steineichen, hier und da blitzt ein wilder Olivenbaum durch. Ein Schmetterling flattert vor die Nase, ein paar Butterblumen recken ihre gelben Köpfe gen Sonne.

Die Ruhe umfängt den wolligen Wanderer und hinter einer weiteren Kehre kommt Lollove in Sicht, an den Hang des gleichnamigen Berges geschmiegt.

Von weitem sieht das Dorf aus wie ein ganz normales sardisches Bergdörfchen. Und auch am Ortseingang auf etwa 400 Höhenmeter scheint noch alles wie überall auf Sardinien um die Mittagszeit.

Eine Madonna auf einem Stein empfängt das Wolltier und blickt milde herab. Immerhin, ein menschliches Antlitz. Denn sonst, auch nach der Siesta: niemand hier.

Vielleicht die wahre Bürgermeisterin?

Vielleicht die wahre Bürgermeisterin?

Das stimmt aber nicht ganz, denn das pecora nera trifft mit jedem Schritt durch das kleine beschauliche Dorf – in dem alles so zu sein scheint, wie vor hundert Jahren – ein paar Lebewesen.

In der Reihenfolge ihres Auftritts: Busfahrer (der freundlicherweise täglich in einem kleinen transportergroßen Bus den gesamten Weg zum Dorf hinauffährt, aber dort vermutlich jedesmal nur wendet, weil niemand ein- oder aussteigt.

Dann: schwarzer Hund, weißer Hund, Ferkel, Wildschwein, Hausschwein, Pony, Pferd, Dohle, getigerte Katze, weißbuntes Kätzchen, weiße Katze, Dorfbewohner … Huch! Moment mal! Dorfbewohner?!

Nur manchmal, ist hier Leben im Haus.

Nur manchmal, ist hier Leben im Haus.

Tatsächlich, aus einem Schornstein quillt Rauch, ein Mann lädt verschiedene Dinge aus einem Stall in ein Auto. Das ist also einer der rund 30 verbliebenen Einwohner, die es hier noch geben soll – wobei schon das Wort “verbleiben” übertrieben ist. Er grüßt wortlos und widmet sich in aller Ruhe seinen Tätigkeiten.

Diejenigen, die hier noch Haus und Grund besitzen, wohnen und arbeiten mittlerweile in Nuoro. Sie kehren hin und wieder zurück und sehen nach dem Rechten – oder nutzen das Grundstück wie eine Art Schrebergarten, bauen Obst und Gemüse an, halten ein paar Schweine, Schafe oder Ziegen. Diejenigen, die dauerhaft hier sind, sind sehr alte Menschen, die ihren Lebensabend in gewohnter Umgebung verbringen.

Oder sie sind hier, um die Ruhe zu finden, die es in der Stadt nicht gibt. Auch das Schaf ist – neben der angeborenen Neugier – deswegen hierher gekommen. In dieser Intensität ist die Ruhe einzigartig. Denn Lollove ist nicht nur  menschenleer, sondern auch durch seine abgeschiedene Lage in einem Tal und von Nuoro durch einen weiteren Berg getrennt, zu jeder Zeit mit dichter Stille gesegnet.

Lollove (sardisch: Lollobe) hat – oder vielmehr hatte – auch einen eigenen Dialekt, eine Mischung aus dem in der Region um Dorgali und dem im 15 km entfernten Nachbarort Orune gesprochenen Sardisch. Mit den letzten Bewohnern stirbt auch diese Sprache aus. Das Schaf hört jedenfalls heute niemanden mehr reden.

Kirche Santa Maria Maddalena

Kirche Santa Maria Maddalena

Aber der Reihe nach: Die Straße weiter entlang laufend, stellt das pecora nera fest: das Dorf ist schon nach wenigen Schritten zuende. Also nimmt es nimmt den erstbesten Weg rechts hinauf in den Ort, auf engen steinbepflasterten Wegen.

Zwischen Steinmauern und grauen Fassaden steigt es ins Ortsinnere. Zuerst sieht es sich bei der kleinen Kirche um, Santa Maria Maddalena, datierend etwa auf das Jahr 1600.

In diesem Gebäude findet übrigens der Roman “La Madre” der sardischen Schriftstellerin Grazia Deledda seinen dramatischen Höhepunkt. Das Werk beschreibt eine 36 Stunden währende Liebesgeschichte zwischen einer Dorfbewohnerin und einem Priester – und die Verzweiflung seiner Mutter.

Die kleine Kirchengemeinde, zu der rund 25 Seelen zählen, feiert regelmäßig kleine Feste zu Ehren einiger Heiliger. Das wichtigste ist – natürlich – das von den Hirten gefeierte Sant’Eufemia zu eheren einer Schutzheiligen an ihrem Todestag als Märtyererin, dem 16. September.

Am 25. August feiert man zu Ehren des heiligen Ludwig, dem Patron eines Franziskaner-Ordens. Am 22. Juli begeht man dann das Fest der Dorfpatronin, Santa Maria Maddalena; am 3. Februar San Biagio di Sebeste. Zu diesen Gelegenheiten sowie an einigen Sonntagen kommen ein Priester und die ehemaligen Dorfbewohner aus Nuoro herauf, um die Gottesdienste zu feiern.

Eines der gepflegten Häuser

Eines der gepflegten Häuser

Der direkte Weg von Nuoro herauf ist auch heute noch beschwerlich, führt er doch auf einer ausgewaschenen Schotterstraße einen schattigen, steilen Berghang hinauf, an dem so mancher verzweifelt – Wanderer, Biker und Autofahrer gleichermaßen. Hinab, das merkt das Schaf, als es Lollove später wieder verlässt, geht es einigermaßen. Aber auch das dauert Ewigkeiten, da die Straße nicht trittsicher, weil uneben und voller Schlaglöcher ist.

Richtig schön ist es in Lollove im Spätherbst, zum alljährlichen “Autunno in Barbagia”. Dann kommt frisches Leben in das Örtchen, und es wird zu einer Art Freilichtmuseum. Dann zeigen die Menschen ihre Handwerkskünste, ob als Tischler oder Teppichknüpfer, sie führen ihre dorfeigenen Trachten vor und verkaufen Gebäck und Textilien.

Sogar die kleine Trattoria “La Cartolina” wirft dann den Herd an und es duftet nach guter sardischer Hausmannskost. Nun ist für ein Wochenende alles so, wie es früher einmal war.

Wenn auch noch die Sonne scheint und die Rauchschwaden, die mit starkem Holzgeruch aus den Kaminen strömen, legt sich der Charme der längst vergessenen Zeiten über das Dorf und seine Besucher.

An allen anderen Tagen sucht man die normalsten Dinge vergebens: fließend Wasser, Strom – Fehlanzeige. Kein Geschäft, keine Schule, kein Arzt, kein Polizist… Nicht einmal die sonst in allen Dörfern zu findende Bar gibt es.

Das war im Mittelalter, genauer im Jahr 1615, nicht anders. Lollove hatte urkundlich belegt 26 Einwohner; die meisten davon Nonnen oder Mönche, die in der heutigen Via Nino Bixio in einem Kloster lebten.

Die Badewanne braucht wohl keiner mehr

Die Badewanne braucht wohl keiner mehr

Zweihundert Jahre später dann eine wahre Blüte und – wen wundert’s – die Vorherrschaft der Schafe: 20 Hirten hüteten 2.000 der wolligen Tiere! In Erinnerung an diese Zeit fühlt sich das schwarze Schaf hier außerordentlich wohl – auch wenn es grad keinen einzigen Blöker vernimmt.

1838 lebten hier insgesamt 180 Menschen in bäuerlichen Familien, mit 600 Kühen, 500 Ziegen und 150 Schweinen. Man kam gut über die Runden und hatte hier oben im Prinzip alles, was man brauchte. Erst eine Pockenepidemie dezimierte die Einwohnerzahl drastisch. Sie erholte sich bis 1950 auf gut 400 Menschen, knapp 60 Häuser wurden bis dahin errichtet.

Und dann setzte die Landflucht ein. Das Geld ließ sich in den Städten leichter verdienen und irgendwann zog es die junge Generation sogar bis aufs Festland, um dort ihr Glück zu suchen. Als Folge wurden Schulen geschlossen, das letzte Geschäft gab 1993 auf.

Wer heute, wie das schwarze Schaf, nach Lollove kommt, macht automatisch einen Ausflug in die Vergangenheit.

Lollove - ein liebenswertes Borgo

Lollove – ein liebenswertes Borgo

Denn Lollove sieht heute im Prinzip genauso aus wie in all diesen Jahrhunderten –  eine kleine Festung in den Bergen. Die Häuser wurden, typisch für die Bergregion Sardiniens, aus großen Steinen, die in der Umgebung zu finden waren, mit Erde als Fugenmittel gebaut.

Zwar wurde dem Dorf nach und nach alles Notwendige für Leben und Arbeit genommen, doch die Architektur des “antico borgo” stellte die Region Sardinien 2004 unter Schutz und entwickelte einen Plan zu seiner Erhaltung.

Granatapfel, ungeerntet

Granatapfel, ungeerntet

Viele der mittelalterlichen Häuser werden daher liebevoll gepflegt, andere wiederum sind zu Ruinen verfallen. In vielen Gärten wächst, grünt und blüht es, doch niemand ist hier, um die Früchte zu ernten oder sich daran zu freuen.

Im hintersten Eck vernimmt das Schaf vertraute Geräusche: Blöker und den Klang von Schafsglocken.

Doch der Hirte zieht mit seinen knapp zehn Tieren gerade aus dem Dorf hinaus, auf den Gipfel des Monte Lollove bis auf 779 Meter hinauf, bis die Klänge langsam verstummen und die Stille wieder überpräsent ist.

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