La Vestizione ~ Wenn aus dem Mann ein Mamuthone wird

22. Januar 2013 | Von | Kategorie: Barbagia, Feste und Events, Kultur
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Mamojada habe ich bereits öfter besucht. Mit dem Dorf eng verbunden sind die Mamuthones. Sie gehören zum Anfang der Geschichte des pecora nera, daher werde ich immer wieder gern eine Reise in diesen außergewöhnlichen Ort unternehmen.

Die Vestizione - ein fast andächtiger Moment

Die Vestizione – ein fast andächtiger Moment

Die Gruppe „Associazione Culturale Atzeni-Beccoi – Mamuthones e Issohadores“ pflegt das traditionelle Erbe dieser wichtigen sardischen Karnevalsfiguren, die ein Bild des Lebens und Hirtendaseins auf der Insel sind.

Sie verstehen sich als „Hüter eines Schatzes“ und das ist kein Hobby, sondern eine Aufgabe.

Um das alles noch ein bisschen besser zu verstehen, war ein Freund aus dieser Gruppe so frei, noch in seiner Gestalt als Mensch, zu beschreiben, was genau passiert, wenn man ein Mamuthone wird.

Die Verwandlung beginnt im Herzen, kommt im Kopf an und findet letztlich Ausdruck im Äußeren durch das Kostüm.

Das Fest von Sant’Antonio feiert man wie jedes Jahr am 16./17. Januar, hier treten die Mamuthones zum ersten Mal im Jahr in Erscheinung („sa prima essia“). Ein paar Wochen später folgt der Karneval (Februar oder März) und wir sprechen hier ja über eine Karnevalstradition.

Daher scheint mir der Moment passend, Raum für die sehr offenen Erklärungen eines Mamuthone zu schaffen.

Die Kleidung des Mamuthone, vor der Verwandlung

Die Kleidung des Mamuthone, vor der Verwandlung

Denn wie sich jemand fühlt, der zu einem Mamuthone wird, kann nur jemand beschreiben, der schon einmal – oder öfter – einer gewesen ist. So starke Eindrücke sind zudem nur echt, wenn sie ungefiltert geäußert werden. Da ist eine Übersetzung nicht optimal, obwohl ich versichern kann, dass sich hier eine professionelle Übersetzerin allergrößte Mühe gegeben hat.

Nun, ich möchte Euch trotzdem daran teilhaben lassen und habe das Original dazu gestellt, das die Stimmung gut vermittelt.

Hier sind die …

Gedanken eines Mamuthone

Pensiero di un MamuthoneGedanken eines Mamuthone
Mi soffermo un attimo per descrivere la metamorfosi
che avviene in me e il modo con cui sono coinvolto a vestizione ultimata.

Dopo aver indossato la maschera
ed indossato il fazzoletto
mi prende una sensazione “magica”,
mi sembra di acquistare il potere della divinità di altri tempi.

Questa sensazione è reale
quando il Mamuthone svolge il suo compito senza levare la maschera dal volto.

Sento questa forza al mio interno
e tutto ciò che ho addosso diventa un blocco unico.

Senza rendermene conto,
corpo, vestiario e campanacci diventano un unico elemento.

Nello stesso momento ho la sensazione
che la mia personalità si sdoppi
senza capire né come ciò accada né perché,
la mente si stacca dalla realtà.

Pur convinto di essere me stesso mi sento come invaso e posseduto da un’altra entità.

Mi carico di misticismo e frenesia come se mi immedesimassi e entrassi all’interno un’altra persona di un’altra epoca.
Ich nehme mir einen Augenblick Zeit, um zu schildern, welche Verwandlung sich in mir vollzogen und auf welche Weise mich die letzte Vestizione berührt hat.

Nachdem ich die Maske angelegt
und das Kopftuch umgebunden habe,
überkommt mich ein „magisches“ Gefühl;
mir ist, als hätte ich die Macht einer Gottheit der Vorzeit.

Dieses Gefühl ist real,
während der Mamuthone seine Aufgabe wahrnimmt, ohne die Maske vom Gesicht zu nehmen.

Ich spüre diese Kraft in meinem Innern,
und alles, was ich trage, wird eins.
Ohne, dass es mir bewusst wird,
werden Körper, Kleidung und Glocken zu einer Einheit.

Im gleichen Moment habe ich das Gefühl,
als verdopple sich meine Persönlichkeit,
ohne dass ich verstehe, wie es geschieht noch warum;
der Geist löst sich von der Wirklichkeit.

Obwohl ich überzeugt bin, immer noch ich selbst zu sein, habe ich das Gefühl, dass ein anderes Wesen von mir Besitz ergriffen hat.

Empfindungen und Erregung überwältigen mich, als hätte ich mich in die Seele einer anderen Person aus einer früheren Zeit versetzt.
Franco Sale, Webseite: www.mamuthonescarrigados.it

Die Karnevalstradition

Mamuthone e Issohadore - zwei, die zusammen gehören

Mamuthone e Issohadore – zwei, die zusammen gehören

Auch wenn es hier um eine Karnevalstradition geht – die im deutschen Kulturraum ja vorwiegend lustig, schrill und bunt oder politisch ist – kann man die Masken der Mamuthone und Issohadores kaum mit den unsrigen vergleichen.

Die Mehrzahl unseres deutschen Volkes zieht es vor, stets mehr oder weniger originell verkleidet und oft betrunken und dumm auf den Straßen durchzudrehen … Nichts Schlechtes will ich darüber sagen, aber der sardische Karneval ist eine ganz andere Geschichte. Und es ist wichtig, das zu verstehen.

Doch doch, auch hier verkleidet man sich lustig, und es gibt auch Umzugswagen, und zwar am martedì grasso, dem Karnevalsdienstag. Man sieht aber niemals jemanden „als Mamuthone oder Issohadore“ verkleidet. Nie.

Die Zukunft der Tradition hängt auch von diesem kleinen Mamuthone ab.

Die Zukunft der Tradition hängt auch von diesem kleinen Mamuthone ab.

Diese Ehre ist den beiden Gruppen, die den Umzug durch die Straßen bestreiten vorbehalten – der von Atzeni-Boccoi und der des Pro Loco Mamoiada. Zuweilen wird es kleinen Kindern erlaubt, die Kostüme zu tragen. Eine wunderbare Geste, um das Überleben dieser Tradition zu sichern.

Sehen wir uns den Mamuthone etwas genauer an.

Was gehört zu einem Mamuthone?

Glocken (sa carriga), Maske (sa visera), Fell (sas peddes)

Glocken (sa carriga), Maske (sa visera), Fell (sas peddhes)

Die Figur des Mamuthone ist keine VER-kleidung, sondern tatsächlich eine Kleidung. Der Mamuthone ist ein Abbild früherer Zeiten, des harten Landlebens als Hirte in den sardischen Bergen.

Der Mann trägt einen Anzug aus grobem Stoff, darüber legen sie das Fell von schwarzen Schafen („sas peddhes“). Man trug es damals tatsächlich oft, wenn man in der kalten Jahreszeit mit den Tieren draußen war. Nach vielen Tagen ungewaschen, wurde auch mal das Gesicht dreckig bis schwarz. Gleichzeitig ist es der zoomorphe Teil der Maske, ein Symbol für die Nutztiere.

Teil der "carriga": Lederbänder mit Glocken

Teil der „carriga“: Lederbänder mit Glocken

Auf den Schultern und dem oberen Rücken werden die bronzenen Glocken („sas hàmpaneddhas“ oder „sas campaneddas“) angelegt – das sind mehrere gekreuzte Lederbänder mit acht sehr großen und dann auf den folgenden Bändern immer kleiner werdenden Glocken. Rechnet man das Gewicht aller Glocken zusammen („garriga“ oder „sa carriga“) trägt jeder Mamuthone zwischen 20 und 30 Kilo auf dem Rücken.

Das Gesicht wird mit der auf den eigenen Kopf handgefertigten Maske bedeckt („sa bisera“ oder „sa visera“), darauf trägt man eine dunkle flache Mütze („berretto“), um beides gebunden ein braun-violettes Kopftuch („su muncadore“), das früher die Frauen trugen.

Dunkle Gestalten ... aber keine Angst!

Dunkle Gestalten … aber keine Angst!

Gerade die Maske des Mamuthone wird von Umstehenden oft ängstlich beäugt und jagt manchem Kind Angst ein.

Meine Mutter hat zum Beispiel beim Anblick eines Fotos gedacht, dass es sich um eine Hexe handelt. Sie hat auch nie gefragt, was die wahre Bedeutung ist. Ich hoffe, ihr hier eine ordentliche Erklärung liefern zu können.

Jede Maske ist individuell, auch im Ausdruck. Die dunklen, oft leidenden Gesichter auf der Maske verraten uns, dass das Leben als Hirte und Bauer wahrlich nicht einfach war. Auch tiefe Trauer, Stolz und Wut erkennt man in manchem hölzernen Gesicht.

Der Schäfer, aber auch die Arbeiter aus anderen Landberufen, waren oft außerhalb des Dorfes, jeden Tag, in jedem Wetter. Sie gingen viele Kilometer zu Fuß mit der Herde oder zu ihrer Arbeit. Auch die Frauen. Es arbeitete die gesamte Familie, mal in guten mal in schlechten Zeiten.

Die Verwandlung nimmt ihren Lauf.

Die Verwandlung nimmt ihren Lauf.

Die Nutztiere gehörten zum täglichen Leben wie Brot und Wasser. Das Fell der Schafe und die Glocken sind weitere Hinweise auf das Landleben. Die Schritte, mit denen die Mamuthones durch die Straßen Mamoiadas tanzen, sollen denen der Ochsen nachempfunden sein („passo del boe“).

Die Alten, die in ihren jungen Zeiten auch einmal Mamuthones waren, nutzten tatsächlich noch die Glocken der eigenen Tiere – ob Schaf, Ziege oder Kuh. Diese liefen dann für einen Tag „glockenfrei“ auf den Weiden. Durchaus ein Risiko, denn es war wichtig, die Tiere immer wieder zu finden und nicht zu verlieren.

Am Tag nach dem Umzug wurden die Glocken den Tieren wieder angelegt, sie kehrten zur Normalität zurück und die vertraute, alltägliche „Musik der Weide“ erklang wieder in voller Stärke. Einige sagen, die Schafe spürten etwas von der besonderen Magie, die mit den Glocken während des Umzugs erzeugt wurde – und ihnen fehle in dieser Zeit etwas.

So vereint der Mamuthone in sich die Symbole des Landlebens, in aller Schlichtheit und Härte, die Koexistenz von Mensch und Tier. Man könnte in den Ursprüngen noch sehr viel weiter gehen. Doch das sprengt hier leider den Rahmen.

Der sardische Anzug aus grobem braunem Stoff, mit weißem Hemd

Der sardische Anzug aus grobem braunem Stoff, mit weißem Hemd

Wir widmen uns sicher noch weiter diesen beiden Figuren. Wer sich aber dafür interessiert, dem erklärt auch das Museo delle Maschere Mediterranee in Mamoiada beim nächsten Besuch sicher gern ein paar Details.

Mir persönlich erklärt der Mamuthone nichts weniger als das Herz Sardiniens.

La Vestizione – was ist das?

Die Erklärungen und Bestandteile des Mamuthone hören sich jeder einzeln sehr schlicht an. Die obigen Gedanken des Mamuthone an seine „Verwandlung“ oder Metamorphose lassen jedoch erahnen, dass die Angelegenheit weit vielschichtiger ist. Die vom Mann zu einem tierischen Wesen, die vom modernen Menschen zu dem Vorfahren aus früheren Zeiten, die vom normalen Bürger zum Hüter wertvoller und mystischer Traditionen.

Die Verwandlung erfordert auch körperliche Anstrengung

Die Verwandlung erfordert auch körperliche Anstrengung

Das vertieft sich noch einmal deutlich, als ich einer wichtigen Zeremonie beiwohne, der „Vestizione“. Viele bekommen diese Stunden nicht mit, selbst viele derer nicht, die Anfang des Jahres den Weg in das kleine Bergdorf Mamoiada finden. Und selbst wenn, entgeht den meisten das, was im Inneren der Mamuthones vor sich geht.

Wir sind dankbar, dass uns jemand davon erzählte und es in dem Gedicht oben preisgab. Nur so konnten wir die Besonderheit dieses Momentes erahnen.

Issohadores helfen den Mamuthones

Issohadores helfen den Mamuthones

Doch zunächst der Begriff: Vestizione ist schwer zu übersetzen und der Versuch ein wenig irreführend. Das „Ankleiden“ kommt dem nahe, das Wort kommt von „vestire“, was „anziehen“, „einkleiden“, „tragen“ bedeutet.

Doch das erklärt höchstens ansatzweise, was in diesem Moment passiert. Denn Mamuthone sein ist eine Sache zwischen Herz und Kopf. Die Vestizione hilft ihm bei seiner Verwandlung in das Wesen früherer Zeiten und bei seiner inneren Zeitreise zu den Ursprüngen der Tradition.

Daher liegen eine Ernsthaftigkeit, ein Stolz und eine tiefe Zufriedenheit in der Luft, die nicht mit einem bloßen „anziehen“ oder gar „kostümieren“ beschrieben werden können.

Die „sfilata“, also der Umzug, der Tanz durch die Gassen des Dorfes, will vorbereitet sein. Die gemeinsamen Schritte, die Synchronität, das Zusammenspiel mit dem Capo Issohadore, der den Takt vorgibt – nicht einfach, dass alle Bewegung am Ende klingt wie ein einziger Laut, der stark und eindrucksvoll durch das Dorf dringt.

Die Schritte für den Umzug durchs Dorf müssen sitzen ...

Die Schritte für den Umzug durchs Dorf müssen sitzen …

Wichtig auch für jeden einzelnen, sich an all das zu erinnern, wofür der Mamuthone steht. Jeder ist hoch konzentriert. Denn das ganze Dorf sieht zu, beobachtet genau und jubelt „bravi“, für alle zusammen und „bravo“, für jeden einzelnen, der es gut gemacht hat.

Die Würde, die mit dieser Karnevalstradition einhergeht, begeistert mich. Hier wird eine wichtige und wertvolle, uralte Tradition gepflegt und bewahrt. Ich erinnere mich nicht, je Teil von so etwas Wichtigem gewesen zu sein.

Eine Weile beobachte ich die Männer, blicke auf konzentrierte, wachsame und ehrliche Gesichter. Sie sind in einem Innenhof einer der Dorfkirchen angekommen. Es sind sowohl junge als auch schon etwas ältere Männer, die noch in guter körperliche Verfassung sind.

Als einfache Bürger Mamoiadas finden sie sich hier ein, und verlassen diesen Ort erst nach der inneren und äußeren Transformation als Mamuthone oder Issohadore.

Noch ein letzter Handgriff ...

Noch ein letzter Handgriff, der Mamuthone ist fast angekommen …

Die Issohadore sind bereits eingekleidet zur Vestizione erschienen. Man hilft, die einzelnen Bestandteile, die gemeinsam die Figur des Mamuthone ergeben, anzulegen. Gesprochen wird wenig, das meiste geschieht in Ruhe, mit Würde.

Der Mamuthone ist bei sich selbst. Ich habe erst das Gefühl, mit meiner Kamera zu stören. Störe ich? Ich stelle bald fest, dass sie mich gar nicht wahrzunehmen scheinen. Ich bleibe trotzdem in respektvollem Abstand.

Dann sind sie fertig, gesellen sich zusammen, üben die Schritte, der laute Klang der Glocken schallt aus dem Innenhof heraus.

Doch irgendwie bleiben sie immer noch ruhig, bis sie auf die Straßen des Ortes hinaustreten. Der wilde Stolz, die ungestüme Würde, die dieser Tradition innewohnt, berührt mich tief. Es ist eine Ehre, so nah dabei zu sein.

Ich bin sehr glücklich und kann nur jedem ans Herz legen, sich auf den sardischen Karneval und die Traditionen dieses Volkes einzulassen und Mamoiada einmal zu dieser Zeit zu besuchen.

Danke!

  • Mein innigster und herzlichster Dank geht an Franco Sale, der uns an den Gedanken des Mamuthones teilhaben ließ. Er gab mir außerdem sehr viel Material, darunter eine Studie, die er gemeinsam mit der Universität in Bologna veröffentlichte. Sie handelt von historischen Aspekten und den Ursprüngen dieser sardischen Karnevalsmasken, ebenso über die Schwierigkeit des Überlebens der Traditionen und aller Details in der Neuzeit. Die Studien entstanden zusammen mit dem direttore scientifico Giovanni Azzaroni und dem direttore responsabile Giuseppe Liotta und wurden veröffentlicht in „Antropologia e Teatro“ der Rivista Studi dell’Università di Bologna.
  • Das Material würde für zwanzig Artikel reichen und ich habe nicht annähernd alles erfasst, was Franco mir mitteilte. Und auch das ist längst nicht alles, was sich in seinem Kopf befindet. Wir können immer nur die Oberfläche streifen – was sehr schade ist. Ich bin ihm trotzdem sehr dankbar!
  • Franco Sale arbeitet als Holzkünstler und stellt – wie soll es anders sein – echte, handgefertigte Mamuthone-Masken her, die auch bei den Umzügen getragen werden. Hier ist seine Homepage: www.mamuthonescarrigados.it – mit vielen weiteren Informationen über die Mamuthones und den sardischen Karneval (in italienischer Sprache). Wer ihn besuchen will, und eine wirklich originale Maske haben will (die sicher ihren Preis hat, diesen aber auch jeden einzelnen Schnitz in das Stück Holz wert ist), findet seine Werkstatt, direkt in Mamoiada. Die Wegbeschreibung ist hier. Angeschlossen ist ein kleines privates Mamuthone-Museum.
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