Murales, Wandgemälde und Street Art färben Sardinien bunt. Sie sind ein fester Bestandteil der neuzeitlichen Inselkultur.

Befragt man nun die nächstgelegene Suchmaschine oder schlägt man den Reiseführer auf, ist das Dorf San Sperate im Norden von Cagliari meistens nur selten oder mit einem kurzen Satz oder Absatz bedacht, während der berühmte Bruder Orgòsolo in der Barbagia als eine Art Mekka gilt.

San Sperate - bunt und vielseitig

San Sperate – bunt und vielseitig

Eigentlich unverständlich, dass San Sperate den Reisenden nicht ähnlich gut bekannt ist. Denn das Dorf zeigt sehr konsequent die ganze Vielfalt der Kunst.

Gut 350 Kunstwerke unter freiem Himmel und ohne Eintritt: Murales, Street Art, Wandgemälde, Graffitis, Skulpturen, Zeichnungen, Fotos, Arrangements von allerlei Gegenständen und von etablierten Künstlern (unsere Galerie findet Ihr am Ende des Artikels). Sogar die Inspiration von Matisse oder Mondrian begegnen dem, der aufmerksam durchs Dorf streift.

Eine echte Aufgabe, alles zu erfassen.

1968 hat alles angefangen: Der aus San Sperate stammende  junge Künstler Pinuccio Sciola war für Studien in ganz Europa unterwegs. Mit 26 Jahren und einem Haufen internationaler Eindrücke kehrte er in sein Dorf zurück. Mit einem Ziel: Er wollte Raum für die Kunst schaffen.

Heute kann man es kaum glauben, aber San Sperate war zu jener Zeit ein schmuckloses Dorf mit bescheidenen, im Verfall begriffenen Lehmhäusern mit graubraunen Wänden. Einigermaßen trostlos und auf harte Arbeit in der Landwirtschaft ausgerichtet. Kulturelles Niemandsland im Schatten Cagliaris.

Sciola und seine Freunde begannen daher als allererstes, die Mauern der Häuser kalkweiss zu tünchen – eine wahnsinnige Leistung. Die Dorfbewohner waren gleichermaßen erstaunt und fasziniert von dem blendenden Weiss, das in der Sommersonne für Lebensfreude und eine neue positive Ausstrahlung des Dorfes sorgte.

SanSperate-Murales-dreiMänner

Klassische Motive aus dem sardischen Alltag

Der beabsichtigte Effekt blieb nicht aus: Nicht nur Sciola, auch diejenigen, die in den Häusern lebten, betrachteten die weissen Wände als Leinwände. In Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden die ersten Wandmalereien.

Viele traditionelle, sardische Motive schmückten bald die Wände, aber auch politische oder kulturelle Themen, denn die ausklingenden Sechziger und beginnenden Siebziger waren auf der ganzen Welt, und so auch auf Sardinien unruhige, politische Jahre und eine kulturell experimentierfreudige Zeit. Eine Art „Freilichtlabor“ entstand, in dem auch andere sardische und später ausländische Künstler arbeiteten.

Die wilde Zeit ist mittlerweile vorbei, San Sperate ist nun ein Freilichtmuseum, die Kunstwerke sind da und warten auf Besucher. Einige sind verfallen, neue gerade im Entstehen, das ein oder andere aufwändig restauriert.

Pinuccio Sciola ist als internationaler Bildhauer bekannt und bringt heute Steine zum Klingen – seine „pietre sonore“ (www.pinucciosciola.it).

Schlendernd taucht der Besucher in Farben und Formen ein und entspannt bei einem langen Spaziergang durch die kolorierten Strassen im östlichen Teil des Dorfes.

Höhlenmalerei auf offener Strasse

Höhlenmalerei auf offener Strasse

Da wird Traditionen gehuldigt, werden Geschichten erzählt, religiöse Motive finden sich neben fantastischen oder erotischen. Manches ist anheimelnd, manches beängstigend. Hier ein paar hübsche Pferde, dort ein zorniger Stier oder ist es gar der Teufel? Motive aus fremden Kulturen stehen friedlich neben ur-sardischen Elementen.

Und so manch einer, der bei den Murales in Verzückung gerät, aber Graffiti bislang als Schmierereien betrachtete, kommt nach einem Besuch in San Sperate ins Überlegen, ob es nicht einfach junge Kunst in der Tradition ebenjener Murales ist.

Farben und Formen, egal wie sie arrangiert sind, sind ein Ausdruck des Erlebten, des Wahrgenommenen, dessen, was den Künstler bewegt. Es steckt Herzblut, Leidenschaft und Arbeit in jedem Kunstwerk.

Die Daseinsberechtigung der Street Art, der modernen Straßenkunst, ist in San Sperate unbestritten.

Und wer genau schaut und auch mal in eine der Nebenstrassen geht, findet auf einem der Wandgemälde sogar ein schwarzes Schaf …

Weitere Informationen in italienischer Sprache auf: http://www.turismosansperate.com/paese-museo/arte.asp

Anreise

... und coole streetart

Zeitgenössische Form der Wandmalerei: streetart

Die Anreise ist zumindest kurz vorm Ziel etwas mühsam. San Sperate, nördlich von Cagliari ist so mittel gut ausgeschildert. Da muss das Schaf ziemlich aufpassen, dass es sich nicht in den Vororten verfranst.

Stellt Euch auf Autochaos, wilde Auf- und Abfahrten, Schlaglöcher, gefährliche Kreuzungen und einmal in den Einbahnstraßen von Assemini verfransen ein (worüber der Einheimische milde lächelt).

Den Rundgang kann man quasi überall beginnen; z. B. im Giardino Megalithico am nördlichen Ortseinang mit Skulpturen von Sciola. Ein Übersichtsplan aller Kunstwerke und Straßen hängt im Zentrum an der Piazza Gramsci.

Jährlich im Sommer feiert San Sperate übrigens sein „Pfirsichfest“, die „Sagra delle Pesche“ – eine gute Gelegenheit,  Gastlichkeit und Kultur miteinander zu verbinden.

Wer dann immer noch nicht genug hat, kann ein paar Kilometer weiterfahren, nach Villamar. Auch in Ussana und in Cagliari finden sich Wandgemälde. In der Inselmitte sind neben Orgòsolo auch in Orune und Lula traditionelle Murales zu finden. Auch in Orosei finden sich einige Kunstwerke, von Murales bis zu Skulpturen.

Eigentlich heißt es einfach nur: Augen auf 🙂

Und hier nun endlich der „virtuelle“ Rundgang des schwarzen Schafs durch das Dorf:

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