Die Uhren laufen derzeit etwas langsamer auf Sardinien, man besinnt sich auf das, was man hat. Die Zeit der Ernte ist vorbei, und jetzt werden die Früchte genossen.

Jetzt ist auch die Zeit, in der die sardischen Dörfer  sich nach außen öffnen und den frei gewordenen Platz im Herzen der Reisenden in Sekundenschnelle erobern.

Wärmende Feuer in Teti

Wärmende Feuer in Teti

Der “Autunno in Barbagia” im Inneren der Insel feiert seine Kultur und Traditionen, und das, was die Natur und die Überlieferung ihnen geschenkt hat. Wir empfehlen wärmstens einen Ausflug in das Hinterland.

Wenn die Dorfbewohner die Tore ihrer alten Häuser öffnen – daher werden viele dieser Feste auch “Cortes Apertas” genannt – ist das gleichzeitig ein Öffnen des eigenen Hauses. Die Sarden gewähren nicht nur einen Blick in die Kultur des jeweiligen Dorfes, sondern auch in ihre alltägliche Lebensart.

Das Ganze ist zunächst viel unaufgeregter als man vielleicht bei dem Wort “Fest” erwarten könnte. Man feiert nicht unbedingt feucht-fröhlich (Ausnahmen bestätigen die Regel) und exzessiv, sondern bietet den Gästen Kleinigkeiten an, um dann weiterziehen zu lassen und die vielen anderen Dinge zu entdecken.

Der Herbst ist eine Zeit für Neugierige, Umherstreifer und Entdecker.

Alle, die sich trauen, dann auf Sardinien Urlaub zu machen, und die sich in ihr Herz wagen, werden eine Insel kennenlernen, von der sie im Traum nicht dachten, dass es sie gibt.

Hier also die nächsten Feste und ihre Besonderheiten:

Autunno in Barbagia: sardische Traditionen und Spezialititäten

Autunno in Barbagia: sardische Traditionen und Spezialititäten

OVODDA – 07/08/09 NOVEMBER: Durch Ovodda führt der Weg der Transumanza, als die Hirten ihre Tiere im Winter aus dem kargen Gennargentu in die fruchtbaren Ebenen brachten. Die Spezialitäten des Dorfes sind demnach auch rund ums Schaf zu finden: Wolle, Lederwaren, Pecorino, Ricotta … Gutes Essen spielt neben der gesunden Luft eine große Rolle bei der Langlebigkeit: in Ovodda wird man besonders alt – wenn man im Einklang mit der Welt hier lebt. Hier ticken die Uhren definitiv langsamer.

MAMOIADA – 07/08/09 NOVEMBER: Zu den Mamuthones e Issohadores haben wir ja schon fast alles geschrieben, was uns einfällt. Was hat Mamoiada sonst noch zu bieten? Probiert den “caffè e’ mendula”, einen Espresso mit Mandelaroma, sozusagen Marzipan zum Wachwerden. Schaut auch in das Museo delle Maschere Mediterranee – es ist nicht besonders groß, aber mit Hingabe und Sachverstand gemacht. Manche sagen, der Ort sei mit der Zeit sehr touristisch geworden, und das stimmt über den Tag gesehen vielleicht sogar. Der Ausweg: Bleibt abends, vielleicht sogar bis zum nächsten Tag.

NUORO – 14/15/16 NOVEMBER: Nuoro ist alles, aber kein Dorf. Die einzige Stadt, die an dem Autunno in Barbagia teilnimmt, ist deswegen nicht weniger authentisch. Sie ist das kulturelle Zentrum der Barbagia (vielleicht sogar auf ganz Sardinien) – fast kein Künstler der Insel ist ohne Stadt ausgekommen. Allen voran Grazia Deledda, die hier geboren wurde, und deren Geburtshaus tiefe Einblicke in ihr Werk und die Kultur der Barbagia gibt. Das MAN – Museo dell’Arte della Provincia di Nuoro unterstreicht den Anspruch als Kulturhauptstadt der Insel. Rund 150 Aussteller im historischen Zentrum – da ist für jeden etwas zu finden. Achtet besonders auf eines: In Nuoro macht man ganz ausgezeichnete Schokolade!

Nuoro und seine Traditionen

Nuoro und seine Traditionen

TIANA – 14/15/16 NOVEMBER: Wer die dunklen, traditionellen sardischen Anzüge mag, kann hier mit etwas Glück bei der Herstellung des Stoffes zusehen. Der nennt sich “Orbace”, und für ihn wird meist graue Schafwolle nach einer aufwändigen alten Tradition, mit Utensilien aus vorindustrieller Zeit (die es im Original nur hier in Tìana gibt) gefertigt. Und auch in Tìana wird man sehr alt: Antonio Todde galt bis zu seinem Tod als ältester Mann der Welt und starb 2002 bei relativ guter Gesundheit mit 112 Jahren und 346 Tagen.

OLZAI – 21/22/23 NOVEMBER: Als wir vor einigen Jahren hier waren, hing der ganze Ort hing im Nebel, später hat es quasi pausenlos geregnet. Soll heißen: Im November ist dann bereits die Anfahrt nichts für Ungeduldige und Frostbeutel. Die Anfahrt über die SP 36 ist genauso mühsam wie die über die SS 128 oder die SS 389 und die SP4. Es dauert einfach, und bei Schlechtwetter mindestens doppelt so lang wie gedacht. Ortzai (so nennen die Einheimischen ihr Dorf) weiß das scheinbar, legt sich ins Zeug – und hat Spaß. Zunächst macht ein großer Graben – der kanalisierte Wasserlauf des Riu Bisine – den Ort irgendwie besonders. Drumherum wird kostenlos Wein ausgeschenkt, tanzen die lustigen Karnevalsfiguren (eine davon eine Maske mit Ziegenhörnern und Schweinsnase). Für den Hunger gibt es hier viel Süßes, unter anderem “pane di sapa” – ein weihnachtlich schmeckendes Brot mit einer aus Kaktusfeigen hergestellten sirupartigen Marmelade (die ist übrigens auch toll zu Wildgerichten).

ATZARA – 21/22/23 NOVEMBER: Im historischen Zentrum findet Ihr ein Labyrinth kleiner Gässchen, und viele verwinkelte Höfe und Häuser, die Euch bereitwillig die Türen geöffnet haben. Unvermutet, aber dennoch da: ein erstaunlich gut sortiertes Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, die Pinacoteca comunale Antonio Ortiz Echagüe. Vor oder nach dem Fest heißt es dann: Fernglas mitnehmen, und dann ab in die Wälder, rund um Atzara. Hier finden Tierfreunde den größten Reichtum seltener Arten auf Sardinien: wilde Enten, Graureiher, Wildschweine, Füchse, Wiesel, Kaninchen, Hasen, Wildkatzen, Reptilien, Damhirsche, Muflons, Wanderfalken und Königsadler. Oder ihr wendet Euch den Weinhängen der Barbagia Mandrolisai zu – hier werden besonders gute Rotweine angebaut und gekeltert, die durchaus anspruchsvoll zu nennen sind.

Auch das ist November

Auch das ist November

TETI – 28/29/30 NOVEMBER: Die Wiege der sardischen Kultur und ein Mysterium. Nicht mehr und nicht weniger ist Teti, mitten in den sardischen Bergen gelegen. Kurioserweise fand man hier die meisten Spuren der “Shardana”, eines See- und Kriegervolkes. In der Geschichte der Insel das einzige Volk, das Sardinien nicht als Besatzer vereinnahmte, sondern als Heimat verstand. In Teti gibt es eine Menge Schätze zu entdecken, und jeder noch so weite Weg dorthin lohnt. Traditionell stellt der Ort auch verschiedene Karnevalskulturen vor und zeigt seine bunten Trachten

Bis Dezember geht der Inselherbst in der Barbagia noch weiter. Eine Übersicht über alle Orte und Termine findet Ihr hier auf pecora-nera oder auf cuoredellasardegna.it

Wie gesagt, das Wetter macht es einem manchmal nicht leicht, man erwartet bei einer Mittelmeerinsel ja oft Dauer-Sommer. Das ist definitiv nicht so – der Herbst ist im November auf jeden Fall da, in den Höhenlagen wird es ungemütlich, hier und da fühlt es sich tatsächlich schon wie Winter an.

Einblick in die sardische Kultur

Einblick in die sardische Kultur

Herbststürme bringen starken Wind und Regen, und der Sarde ist geneigt, sich in seinen vier Wänden zu verkriechen. Wer so ein Nordseefeeling mag und die richtige Kleidung mitnimmt, kommt hier voll auf seine Kosten. An der Westküste sind hohe Wellen eine echte Augenweide, doch im Süden und Osten fließt manchmal noch etwas warme Luft aus Afrika heran. Die Stürme wechseln sich mit Zwischendurch-Sonnenabschnitten ab, die für alles entschädigen. Denn wenn sich das Land nochmal auf lockere 25 Grad erwärmt und man im T-Shirt durch die Natur streift, ist das richtig Balsam für die Seele.

Der November ist übrigens auch ein sehr religiöser Monat. Er trägt im Sardischen den Namen Onniasantu, Tottusantus, Donniasantu … allesamt vom  Lateinsichen “omnis sanctus”. Da wo der Nordeuropäer mit Glück einen Tag an “Allerheiligen” denkt, ist auf Sardinien ein ganzer Monat dazu da, um die Heiligen zu ehren.

In den meisten Landstrichen der Insel nennt man den November aber Sant’AndriaDer Apostel und Märtyrer Andreas ist Namensgeber dieses Monats. Das Fest zu seinen Ehren wird am 30. November gefeiert. Als Fischer und Bruder des Apostels Petrus ist er Patron im Fischerort Tortolì und wird bei der “sagra di pesce” (Fischfest) verehrt. Die weitaus größeren und wichtigeren Feste werden in Sant’Andria Frius bei Cagliari und in Bono begangen. In letzterem Ort feiert man die Notte di Sant’Andria, in der ihm geweihten Kirche. Bei diesem tief religiösen Fest wird allerdings auch dem Gott des Weines, Bacchus, gehuldigt und auch Kürbisse spielen eine große Rolle.

Der November ist voller Traditionen, voller Feste und voller sardischer Gastfreundschaft.

Wir können Euch einen Ausflug in der kalten Jahreszeit nur wärmstens empfehlen!

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