An der Landstraße SS 198, auf unserem Weg von Lanusei nach Jerzu, landen wir in der kleinen verlassenen Ortschaft »Gairo Vecchio« – und sind sofort hellauf begeistert und pinnen unseren pecora-nera-Aufkleber an das erstbeste Gebäude am Ortseingang.

Gairo-Vecchio-Postkarte-II

Gairo Vecchio – ein Geisterdorf

Ein paese fantasma / Geisterdorf, wie es einige auf Sardinien gibt. Einst lebendige Ortschaft, heute nur noch eine Ansammlung von Ruinen. Vielleicht ist Gairo Vecchio sogar das bekannteste Geisterdorf Sardiniens, und ganz sicher eines der schönsten.

Der Name »Gairo« stammt von den griechischen Worten »ga« und »roa«, was »fließende Erde« bedeuten soll und ein Hinweis auf die traurige Geschichte des Dorfes ist.

Ein Jahrhundert der Unwetter

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Erzählungen von Einheimischen eine schwierige Phase für die Region: Verheerende Wolkenbrüche provozierten Erd- und Schlammrutsche – immer wieder, quasi in jedem Jahr, wurden Häuser und Höfe vernichtet.

1951 aber die schlimmste Überschwemmung: Vom 14. bis 19. Oktober wütete ein schlimmes Unwetter auf ganz Sardinien. Schlammlawinen allenorts, Feldwege wurden ausgewaschen, Orte waren unerreichbar.

Die errichteten Stauseen überschwemmten, im Campidano brach der Ernteertrag um 40% ein. In der Ogliastra fielen an jedem Tag zwischen 300 und 500 mm Regen pro Quadratmeter.

Und Gairo Vecchio traf es besonders hart. Eine riesige Schlammlawine begrub gut die Hälfte des Dorfes unter sich. Im fortwährenden Regen versuchten einige zu fliehen. Andere suchten zu retten, was zu retten war.

Sechs Tage Unwetter, sechs Tage Schicksal. Diejenigen, die überlebt hatten, beteten und hofften.

Neuaufbau

Nach dem Unwetter beschlossen alle, das Dorf aufzugeben und es an einem sichereren Platz neu aufzubauen. Eine Einigung über den besten Ort konnte allerdings nicht erzielt werden – die einen wollten bleiben, nur ein wenig weiter oben am Hang bauen, die anderen wollten auf felsigerem Grund bauen – und wieder andere wollten ganz weg, in die Ebene.

Also spaltete sich das Dorf in drei neue Teile: Gairo Sant’Elena, Gairo Taquisara und Gairo Cardedu.

Gairo-Vecchio-e-Nuovo

Gairo, alt und neu

Gairo Sant’Elena wird heute nur Gairo genannt, ist das Hauptdorf und befindet sich nur wenig oberhalb von Gairo Vecchio. Der Sarde verlässt sein angestammtes Territorium wirklich sehr ungern. Gairo Taquisara wurde einige Kilometer entfernt errichtet und ist ein hübsches kleines Dorf mit nur 300 Einwohnern. Der dritte Teil, Gairo Cardedu, heißt heute nur Cardedu und wurde in der Ebene in Meeresnähe errichtet.

Aber es ist immer noch Gairo Vecchio, das Dorf, das nicht mehr existiert, das die meisten Neugierigen und Alternativ-Touristen anzieht.

Die verlassenen Häuser und die Geschichten, die sich in ihnen abgespielt haben mögen, die Spuren, die vom großen Unwetter erzählen – für Menschen, die ihre Fantasie mit in den Urlaub nehmen, eine toller Ort zum Verweilen und Umherstreifen.

Streifzug durch Gairo Vecchio

Zu Fuß durch die engen Gassen, und Treppen, vorbei an notdürftig verriegelten Häusern mit den für das Dorf seinerzeit typischen blauen und roten Wänden.

Ein Gewitter zieht auf - möge sich die Geschichte nicht wiederholen ...

Ein Gewitter zieht auf – möge sich die Geschichte nicht wiederholen …

Zur eigenen Sicherheit darf und sollte man in die Häuser nicht hineingehen. Aber durch diverse Fenster und Lücken kann man zuweilen noch interessante Kleinigkeiten entdecken, und sei es nur eine vorbei huschende Eidechse.

Oder man staunt einfach, wie sich die Natur langsam aber sicher ihr Territorium zurückerobert und sich Bäume und andere Pflanzen zwischen den Hauswänden ein neues Zuhause suchen.

Die  schönsten Postkartenmotiv des Ortes gelingen z. B. am Ortsausgang (in einer Kurve vorsichtig links an einem Turm einbiegen), und von der gegenüberliegenden Seite des Tals aus. In etwa bei Osini (an der SP 11) hat man einen wunderbaren Blick auf die beiden Gairos, alt und neu.

Besonders im Herbst und Winter, wenn es kalt und neblig ist, wird der Besuch in Gairo Vecchio zu einem besonderen Erlebnis. In dieser Atmosphäre versteht man ein bisschen mehr von der Geschichte des Ortes.

Als wir später weiter reisen und sich am Himmel ein schweres Sommergewitter zusammenbraut, müssen wir wieder an Gairo Vecchio und sein Schicksal denken … hoffend, dass es sich nicht wiederholen möge.

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