Wer sich entscheidet, Sardinien zu Pferd zu entdecken, nähert sich nicht nur der Natur, sich selbst und einem entspannten Urlaub, sondern auch einem wichtigen Stück sardischer Kultur.

Im sardischen Dialekt Logudorese heißt Pferd “Caddu”, in anderen Regionen sagt man “Cuaddu” oder “Cabaddu”. Freundliche, warm klingende Worte. Wer ins Landesinnere reist, merkt schnell: Sardinien ist ein Pferdeland und aus dem Landleben sind Pferde selbst heute noch kaum wegzudenken.

Alter Hirtenweg - das Pferd kennt ihn

Alter Hirtenweg – das Pferd kennt ihn besser als ich

Die Landbevölkerung sagt, Mensch und Pferd seien unzertrennlich in der Arbeit, im Lernen, in der Liebe. Ein Sprichwort lautet: “Chie hat caddu bonu, e bella muzere, non istal mai senza dispiaghere.” Übersetzt: “Wer ein gutes Pferd und eine schöne Frau hat, wird nie großen Schmerz erleiden.” Ein Ausdruck des Stolzes und eine Beschreibung des Wertes, den das Pferd für einen Sarden hat.

“Schön, wenn sich manche Dinge nicht ändern”

Auf dem Pferderücken sieht Sardinien ganz anders aus. Kein Witz. Der selbe Weg, den ich am Tag zuvor noch zu Fuß ging, hat dank der fuchsfarbenen Stute, auf der ich sitze, eine ganz andere Qualität.

Während ich beim Spaziergang selbst darauf achten musste, wo ich meine Füße hinsetze und insgesamt eher Mauern und Gestrüpp wahrnahm (wunderschön auch ‘a piedi’, ohne Frage!), übernimmt das jetzt das Pferd. Nach wenigen Metern merke ich: Es ist mit dem Weg vertraut und daher deutlich trittsicherer als ich selbst es war. Also lasse ich locker und gebe auf, ihr zeigen zu wollen, wo es langgeht.

Kein Wunder, dass sie genau weiß, wo es langgeht: Der alte Hirtenweg, den wir heute entlang reiten, existiert genau so bereits seit vielen Jahrzehnten – und noch länger. Nomadisierende Hirten nutzten sie, aber auch die Schäfer der Region.

Schafherde im Weg: nichts neues hier

Schafherde im Weg: nichts neues hier

Daniele, der unsere kleine Gruppe an diesem Morgen auf seinem sardischen Wallach anführt, erzählt, dass schon sein Großvater diesen Weg täglich entlang geritten ist, als der noch ein kleiner Junge war. Das ist fast ein Jahrhundert her. “Schön, wenn sich manche Dinge nicht ändern”, sagt Daniele.

Das finden wir auch und lassen die Fantasie ein bisschen arbeiten. Wir würden gern einen wandernden Hirten und seine Schafherde treffen. Aber dann wäre das Bild zu perfekt, daher ist ganz gut, dass wir sie erst auf der Zufahrtsstraße sehen, als wir wieder abreisen.

Dieser alte Weg ist zerfurcht, zertreten, seine seitlichen Mauern von aller Art Gestrüpp bewuchert. Durchaus vorstellbar, dass es hier vor hundert Jahren schon so aussah. Die einzigen jüngeren Zeitzeugen sind ein paar Plastikflaschen, die auf Weinstöcken stecken. Ansonsten könnte hier ohne Weiteres ein Film aus irgendeinem der vergangenen Jahrhunderte gedreht werden.

Im Sattel sitzend kann ich leicht über die Mauern hinweg sehen und nehme die ganze Pracht der Landschaft wahr. Kuh- und Schafherden weiden auf grünen Frühlingswiesen. Die Ebene streckt sich vor der Kulisse des immer noch schneebedeckten Gennargentu weit aus. Ein einsamer Nuraghe erhebt sich aus der Landschaft, wild bewachsen und seit vielen Jahrhunderten immer dort, am gleichen Ort. Ein Bach, den ich schon die ganze Zeit plätschern hörte, schlängelt sich uns meterbreit in den Weg. Mein Pferd für diesen Tag trägt mich durch das Wasser, als wäre da gar nichts.

“Il cavallo trotta per te” – “Das Pferd geht für Dich.”

In aller Ruhe – das Prinzip ist Programm. Das Pferd schafft eine Oase im Urlaub. Es lässt den Menschen zur Ruhe kommen und in das Land eintauchen. Während das Tier buchstäblich für den Reiter läuft, spürt der Mensch in die Umgebung hinein. Er sieht Dinge, die er zu Fuß oder auf dem Rad nicht sehen würde. Denn das Pferd achtet auf den Boden und die Gefahren und geht auch manchmal lieber dort, wo kein sichtbarer Pfad ist. Sicher findet es den Weg. Entspannt lässt der Reiter Kilometer um Kilometer auf dem Pferderücken hinter sich. Entschleunigung pur.

Zu Pferd entdeckt man Sardinien ganz neu, abseits der geteerten Straßen und bewohnten Orte. Die besonderen Schönheiten der Insel zeigen sich dort, wo Touristenhorden sie nicht zertreten, Sehenswürdigkeiten in Millisekunden abarbeiten und Häkchen in ihren Reiseführer setzen.

Samtig-sanfte Nase: dein Pferd ist dein Freund

Samtig-sanfte Nase: dein Pferd ist dein Freund

Das Pferd führt den schwarzschafigen Reisenden mitten in das Herz der Insel. Trabt entlang der halbhohen Steinmauern, die ganz Sardinien durchziehen, und über brach liegende Felder, galoppiert losgelassen durch den Strandsand, rastet unter geschälten Korkeichen, schreitet sicher über steinige Hügel, durch schattige Wälder und die einsamen Wege an einer Bergflanke hinauf.

Auf dem Pferderücken entdeckt der Reisende ein Sardinien, das ihm als Fußgänger vermutlich verborgen bleibt. Und tatsächlich finden die Pferde manchmal Wege, die zuvor noch kein Mensch gegangen ist.

“Das hier ist ein Pferdeort. Nicht nur ein Ort, an dem Pferde sind”

Wir haben einen schönen Ort gefunden, um diesen Blick auf die Insel zu bekommen. Den Hof “Mandra Edera”. Hier steht das Pferd im Mittelpunkt, gleich neben den Gästen. ‘Mandra’ bedeutet Ort oder Haus, ‘edera’ ist sardisch für ‘Efeu’, also in etwa ein ‘efeubewachsener Ort’. Und das stimmt: Die alten Eichen im weitläufigen Garten sind an diesem schönen Märztag noch ohne Blätter, und doch grün von dem rankenden Efeu.

Foto: Ilja van de Kasteele

Mandra Edera ist Wohlfühl- und Ruheort. Als Gast ist man nah an der Familie, reitet ihre Pferde, isst mit ihnen zu Mittag oder zu Abend (übrigens gute, traditionell-sardische Küche). Mit den Pferden geht man freundlich und liebevoll um, schließlich hat man sie mit Sorgfalt groß gezogen und ausgebildet. Der Gast lernt schnell, den Tieren mit Respekt zu begegnen und sich auf sie zu verlassen.

Im Sommer grasen die Pferde direkt zwischen Häusern und Stallungen und sind ein Teil des Konzeptes. Der Hausherr Daniele drückt das so aus: “Mandra Edera è un posto cavallo. Non solo un posto dove si trovano cavalli.” Das bedeutet in etwa: “Das hier ist ein Pferdeort. Nicht nur ein Ort, an dem Pferde sind”, und beschreibt damit sogar eher eine Art Zuhause für die Tiere.

Mandra Edera damals

Mandra Edera damals

Seit mehreren Generationen züchtet die Familie Pferde unterschiedlicher Rasse, auch für den professionellen Reitsport. Die alten Familienfotos, die neben dem Kamin hängen, zeugen davon. Die Tiere sind herrlich unaufgeregt, sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Die Philosophie des Hofes steht ihnen in die ruhigen Augen geschrieben.

Ursprünglich lag der Schwerpunkt auf der sardischen Rasse, einer alten Kreuzung aus den wilden Pferdchen der Giara di Gesturì und den Berber- und Araberpferden, die Einwanderer herbrachten. Besonders entwickelt und herausgebildet hat sich zudem durch die Einkreuzung weiteren Vollbluts der “Anglo-Arabo-Sardo”: nervenstarke, robuste, intelligente und trittsichere Tiere, für alle Zwecke einsetzbar.

Sardinien zu Pferd: Ausritte mit ortskundiger Führung

Auf einer besonders schönen Tour führt Daniele seine Gäste von Abbasanta aus durch einsame Gegenden und auf alten Maultier- und Hirtenwegen. Vorbei an Santu Lussurgiu, auf den gut 1.000 Meter hohen Gipfel des Monte Ferru und weiter bis zum Strand “Is Arutas”, westlich von Oristano. Für diese Entfernung braucht der Reisende mit dem Auto über die SS 131 etwa eine dreiviertel Stunde. Wer die Landstraßen wählt, ist gut und gerne zwei, drei Stunden unterwegs. Auf dem Pferderücken werden es mehrere Tage. Allein diese Langsamkeit verspricht eine völlig neue Sicht auf die Dinge – nicht nur auf Sardinien.

“Siehst Du da hinten, den Gipfel? Den erreichen wir am zweiten Tag. Von dort sieht man schon das Meer. Das nächste Tagesziel. Das ist das Schöne: Man sieht immer den nächsten Ort, zu dem man reitet und weiß, man wird ihn in aller Ruhe erreichen.”

In der frühesten Nebensaison ist die Tour je nach Wetterlage vielleicht nichts für Nur-Schönwetter-Reiter, wohl aber für schwarze Schafe. Sie hat dann einen besonderen kulturellen Reiz: Die Pferde bekommen einen Ruhetag, während die Reiter die “Sartiglia” in Oristano besuchen, ein spektakuläres Reiterfest, das jedes Jahr am Karnevalssonntag und -dienstag stattfindet (siehe Artikel auf pecora-nera).

Ab auf’s Pferd!

  • Der Hof Mandra Edera (zur Webseite) liegt ruhig und gleichzeitig hervorragend angebunden in der Inselmitte in der Nähe von Abbasanta. Von hier aus ist die SS 131 etwa zehn Minuten entfernt und damit Städte wie Cagliari, Sassari, Nuoro, aber auch die Strände der West- und Ostküste in überschaubarer Zeit erreichbar. Deutschsprachige Unterstützung finden Reisende ebenfalls auf dem Hof: Illa Knappik organisiert zusammen mit Mandra Edera die Tages- und Wanderritte und sorgt sich um das Wohlbefinden der Gäste (www.sardinienhorse.com).
  • In der Gallura, im Norden Sardiniens, wendet Euch vertrauensvoll an unsere Freunde von Terra Nuragica, die Euch sehr gern aufs Pferd helfen und gute Adressen für Ross und Reiter kennen.
  • Überall auf Sardinien finden sich Höfe, denen der respektvolle Umgang mit den Pferden und der Natur wichtig ist. Wir empfehlen allen Pferdeliebhabern, gut zu recherchieren und den Hof sorgfältig auszusuchen. Wir werden Höfe, auf denen es uns gut gefallen hat, hier ergänzen – als nächstes stehen zwei Agriturismi im Gennargentu auf unserer Liste. Ansonsten gilt: Manches Angebot, das mit “Maneggio” ausgeschildert ist, gibt Touristen lediglich die Illusion eines individuellen Urlaubs. Im Interesse der Tiere und auch mit Blick auf die eindrucksvolle Erfahrung, die Euch sonst entgeht, seid bitte aufmerksam.
  • Eine Orientierungshilfe (in italienischer Sprache) zum Thema Sardinien zu Pferd ist www.caddos.it

Ach ja: Und wundert Euch nicht, wenn Ihr bei Eurem Besuch auf Sardinien ein schwarzes Schaf auf einem Pferd seht. Das ist völlig in Ordnung so!

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