Sie leben frei und wild auf der Hochebene von Gesturì, seit Jahrhunderten ganz im Einklang mit den Gesetzen der Natur. Aus dem, was romantisch klingt, ist nun Ernst geworden.

Pauli Maiori, ausgetrocknet in der Sommerhitze

Pauli Maiori, ausgetrocknet

Die kleinen Pferdchen in der Giara drohen an Hunger und Durst zu sterben. Mitte November 2012 waren vier von ihnen bereits tot, viele überlebten den Winter nicht.

Das Elend ist da, die Lokalpresse spricht von sechshundert Pferden, die ums Überleben kämpfen.

Die Hilfsaktionen für die einzigartige, auf Sardinien heimische Pferderasse, laufen an. Eine Initiative des lokalen Abgeordneten Mauro Pili, die sich auch über das Netzwerk facebook Aufmerksamkeit bei über 500.000 Menschen verschaffte, hat eine immense Solidarität für die Tiere hervorgerufen.

Man bat in erster Linie um Futter, Heu und Kraftfutter, das direkt auf die Giara gebracht werden konnte. Allerdings solle auch langfristig gedacht und gespendet werden – die Vorratslager müssten auch in den kommenden Wochen gefüllt werden.

Also geht es im Wesentlichen auch darum, das ganze Problem publik zu machen und soviel Aufmerksamkeit zu schaffen, dass man die langfristige Hilfe organisieren kann.

Abgemagertes Pferdchen in der Giara (Quelle: Corriere della Sera)

Abgemagertes Pferdchen in der Giara (Quelle: Corriere della Sera)

Die umliegenden Dörfer in der Provinz Medio Campidano sind aktiv: Aus Sanluri erreichten nach dem ersten Alarm fünfzig Zentner Futter die Giara, weitere werden von örtlichen Landwirten produziert und angeliefert – und das obwohl viele von ihnen selbst sehen müssen, wie sie klarkommen.

Die Corpo Forestale aus Barumini helfen bei der Verteilung des Futters, in Tuili ist eine Krankenstube für Pferde eingerichtet, der Tierarzt von Gesturì und die medizinischen Einrichtungen der ASL haben alle Hände voll zu tun.

Regelmäßige Kontrollfahrten sind da noch das einfachste, wobei sich auch hierfür Menschen finden müssen, die das neben ihrer Arbeit und den normalen Verpflichtungen des Lebens einrichten können.

Aber: Eine Stute, ihr Fohlen und ein anderes Jungtier konnten mittlerweile ins Dorf transportiert und dort mit Infusionen wieder aufgepäppelt werden. Ein Hoffnungsschimmer oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Denn wie füttert man 600 Tiere durch den Winter, der auf Sardinien durchaus kalt und hart werden kann? Wie verteilt man Futter auf 4.500 Hektar Fläche? Wie hilft man wild lebenden Pferden, und wo ist die Hilfe am Nötigsten? Sterben die sardischen Wildpferdchen? Schafft man es mit viel Solidarität und Anstrengung, sie zu retten? Oder ist am Ende alles gar nicht so wild?

Je mehr Energie in die Behandlung der Symptome gesteckt wird, desto mehr wird auch über die Ursachen diskutiert – und gestritten.

Einige sagen, das sei der natürliche Gang der Dinge. Im Spätherbst gäbe es immer lange Trockenperioden, die zu einem Mangel an Wiesenkräutern führe. In diesem Jahr sei es besonders schwierig, da es auch den gesamten Sommer über nicht geregnet habe. Man bemüht auch die göttliche Vorsehung. Verständlich, wenn man etwas nicht erklären kann.

Und dann, ja dann, werden Stimmen laut, die gar sagen, das sei alles ungerechtfertigter Alarm. Verantwortliche, die sagen, es sei alles unter Kontrolle und gar von Polemik und politischen Motiven seitens derjenigen sprechen, die helfen. Kopfschütteln beim schwarzen Schaf: Wie kann man sich so streiten, wenn offensichtlich abgemagerte Tiere auf der Giara versuchen, zu überleben?

Die beginnenden Rivalitäten riefen auch den WWF Italia auf den Plan – er drängt die Region Sardinien und die Administration der Giara, sich zu organisieren, die Situation genau zu erheben und entsprechend zu handeln.

Und mal ehrlich: Es hungern und sterben nicht in jedem Jahr so viele Tiere in der Giara. Was ist da also los in 2012?

Eine nachvollziehbare Erklärung scheint: Die intensive Beweidung mit weitgehend frei lebenden Kühen und Schweinen hat langsam aber sicher die Kapazität der Giara, ihre Bewohner zu ernähren, an die Grenzen des Machbaren gebracht.

Dazu komme, dass die Zahl der illegal geweideten Rinder gestiegen ist. Die erzwungene Koexistenz der beiden Tierherden sei zum Schaden der Pferde ausgegangen: Die Rinder in Überzahl habe den Pferdchen das Futter weggefressen und sie von Futterplätzen und Tränken verjagt.

Dazu gesellen sich Stimmen, die meinen, die Verantwortlichen und Parkhüter hätten es sich in den vergangenen Jahren zu einfach gemacht und über die illegale Bewirtschaftung hinweggesehen. Man habe die Tiere und die Giara – unter dem Deckmantel, dass ja alles “wild” und “natürlich” sei – schlicht sich selbst überlassen. Das funktioniere nicht – oder vielmehr führe dazu, dass sich der Stärkere das Futter holt. Wer dann erste Signale und magere Tiere ignoriere, sei mit Schuld am Dilemma.

Denn noch einen weiteren Punkt gilt es zu beachten. Die Giara ist längst kein “wildes Gebiet” mehr. Man hat man eben nicht alles in seinem natürlichen Wesen belassen. Zäune, Infrastruktur und viele Menschen seien in die Giara gekommen, ja geradezu geholt worden.

Das ist per se nicht schlecht, doch wer erlaubt dass sie auf lauten Motorrädern, in ihren Autos und gar busseweise durch die Giara fahren, muss sich nicht wundern, wenn die natürliche Ruhe gestört wird.

Zuviele gefräßige Rinder, zunehmende Unruhe und eine intensive Trockenphase: Den Pferdchen der Giara fehlt schlicht das natürliche Gleichgewicht.

Gäbe es das, würden zwar, wie schon in früheren Jahrhunderten, schwache Tiere eine Dürreperiode nicht überleben, aber es stirbt eben keine ganze Herde oder gar die ganze Art. Welch ein Verlust das für Sardinien und die Artenvielfalt wäre!

Das Problem steckt also wie so oft im Kopf des modernen Menschen. Fehlt uns mal wieder das Gespür für die Natürlichkeit, Einzigartigkeit und Schutzbedürftigkeit?

Wie dem auch sei: Wir bitten alle, die in die Giara fahren, gerade jetzt und in Zukunft besonders behutsam mit der fragilen Fauna und Flora umzugehen! Bleibt auf den Wegen, und stört die Tiere nicht zusätzlich!

Wenn Ihr etwas Besorgniserregendes seht, greift nicht selbst ein, sondern informiert die Parkwächter am Eingang oder die Corpo Forestale in Barumini (Telefonnummer auf Schildern am Straßenrand) und die Comunen in Gesturì oder Tuili.

Und eine kleine Gewissensfrage für Euren nächsten Urlaub: Habt Ihr die Muße, all die schönen Flecken Erde auf Sardinien in ein paar Stunden – in aller Ruhe, zu Fuß, in Eurem natürlichen Tempo – zu erkunden?

Weitere Informationen

Aktive Hilfe aus dem Ausland ist gut gemeint, allerdings recht schwierig – noch ist die Comune nicht entsprechend organisiert. Welche Aktionen geplant sind und ob es eine Möglichkeit gibt, zu helfen, erfahrt Ihr am ehesten auf den privat initiierten, offenen Facebook-Gruppen:

Quellen und Artikel (in italienischer Sprache)

 

1 Comment

  1. Wildpferde auf Sardinien › Wildpferde - und - Mustangs .de

    16. Februar 2016 at 20:50

    […] Giara di Gesturì: Verhungern die sardischen Wildpferde? […]

    Reply

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