Ancora due giorni di Maestrale.“ – „Noch zwei Tage Mistral.“ Dieser kleine Satz, den man uns im Hafen von Palau sagt, ist eine kleine Wettervorhersage. Der Wind ist auf Sardinien einer, den alle kennen.

Sardinien und der Wind (Bild in einem Hotel in Pula)

Sardinien und der Wind (Bild in einem Hotel in Pula)

Man ist hier vertraut mit der Wucht, die der Maestrale / Mistral haben kann und die Charter- und Ausflugsboote werden gut vertäut und bleiben im Hafen. Palau war schon bei Seeleuten früherer Zeiten als „geschützter Hafen“ bekannt. Mit dem Maestrale ist nicht zu spaßen, hier an der Bocche di Bonifacio. Unsere Segeltour schieben wir also zwei Tage hinaus.

Das Schaf nutzt die Zeit und lernt nochmal die Namen der Winde. Was die betrifft, spricht in Italien nämlich niemand von West oder Ost-Süd-Ost, sondern nennt sie beim Namen. Und hat sie sich aufgemalt, in der „Rosa dei Venti„, einer Windrose (Kompassrose).

Was hat der Wind mit Malta zu tun?

Was man zuerst wissen muss, um die Namen auf der Windrose nachvollziehen zu können: Der Dreh- und Angelpunkt ist Malta.

Wie jetzt, das kleine Malta soll der Nabel der Windwelt sein? Das hat mal wieder historische Gründe: Die Seefahrernation der Phönizier wählte Malta als „ihr“ Zentrum, da die Insel als Mittelpunkt des Mittelmeeres galt.

Strategisch günstig gelegen, dazu noch leicht zu erobern und zu erreichen, wurde die kleine Insel zu einem bedeutenden Stützpunkt für ihre Eroberungszüge (auch nach Sardinien). So referenzieren denn auch viele Angaben auf historischen Seekarten auf Malta.

Heute weiß man, nach genauen Berechnungen und Messungen: der exakte geografische Mittelpunkt liegt etwas weiter nordöstlich, gut fünfzehn Kilometer vor der Küste Kalabriens. Aber erstens ist da keine Insel, auf der der Phönizier seinen Posten hätte errichten könnte, und zweitens ist das ist auch egal.

Der Wind: die vier Hauptrichtungen 

Die Windrose (auch: Kompassrose) ist in Achtel zu je 45 Grad unterteilt, die die vier bekannten Himmelsrichtungen N – E – S – W bezeichnen und noch einmal vier Nebenrichtungen, NW – NE – SE – SW.

Rosa dei venti mit 32 Punkten (von Alessio Mulas), Quelle: wikipedia.org

Rosa dei venti mit 32 Punkten (von Alessio Mulas), Quelle: wikipedia.org

Man sieht in der Mittelmeerregion neben den Abkürzungen für die Himmelsrichtungen in den meisten Darstellungen eben besagte Namen:

  • TRAMONTANA ~ Nord / North (N 0°): Norden ist oben und zeigt in Richtung geografischem Nordpol. Um dahin zu kommen, sind aus Süden (wo ja das Mittelmeer ist) gesehen, Berge im Weg. Von „zwischen den Bergen, oder „intra montes“ (lat.) kommt denn auch der Wind. In einigen Darstellungen wird er auch „Settentrione“ oder „Mezzanotte“ genannt – letzteres, weil die Sonne im Norden nie zu sehen ist. Der Wind ist kalt, da er aus Nordeuropa herunterkommt, er frischt häufig im ligurischen Meer nochmal auf und kann, zusammen mit einem Genuatief, sehr schlechtes Wetter und Sturm mitbringen.
  • LEVANTE ~ Est / Ost / East (E 90°): Levante ist die Bezeichnung für „Osten“ oder „Morgenland“. Hier geht die Sonne auf, sie „erhebt“ sich, italienisch: „levare„. Auch die Länder des östlichen Mittelmeers (Türkei, Kreta, Zypern, Israel, Libanon, Syrien), aus dem die Phönizier stammten, werden als „Levante“ bezeichnet. Auf vielen Seekarten aus der Zeit der Kreuzzüge wird mit „L“ oder „a+“ die Richtung und Lage von Jerusalem angezeigt.Von Malta aus gesehen, müsste man eben genau nach Osten segeln, um das kirchliche Eroberungsziel zu erreichen. Der Wind ist meistens warm, hat eine durchschnittliche Stärke von 3 bis 5, Böen erreichen bis zu 8 Windstärken, sind aber meistens langanhaltend und gut zu segeln. Generell sind Ostwinde an der sardischen Küste die bevorzugten. Der Levante entsteht in den Morgenstunden über dem südlichen Mittelmeer und folgt oft den Tagen mit Maestrale (s.u.). In der Nebensaison sind Nebel und Regen und ein aufgewühltes Meer keine Seltenheit.
  • MEZZOGIORNO ~ Sud / Süd / South (S 180°): Der „vento di mezzogiorno“ kommt im Sprachgebrauch auf Sardinien nicht sehr oft vor – weil der reine Südwind sehr selten ist. Er heißt auch „Meridione“ oder „Ostro„. Letzteres hat nichts mit Osten zu tun, sondern stammt vom lateinischen Wort „auster“, was schlicht „Süden“ bedeutet. Er ist abhängig von einem Hochdruckgebiet, das sich in den Sommermonaten über der Sahara bildet. Er trägt sehr warme, trockene Luft aus Süden, die auf Sardinien dann zu heftigen Hitzewellen („afa„) führt – keine Abkühlung zu erwarten.
  • PONENTE ~ Ovest / West (W 270°): Der Wind wird auch „Occidente“ genannt und kommt aus dem westlichen Mittelmeer, bzw. ursprünglich vom Atlantik über die iberische Halbinsel. Sein Name rührt vom spanischen Wort „poner“ (setzen, legen) und beschreibt, dass dort im Westen, die Sonne untergeht, sich quasi „hinlegt“. Er ist kräftig, aber gleichmässig und entsteht oft nachmittags und häufiger im Sommer.

Die vier Nebenwinde

Am Capo Testa bei starkem Maestrale

Am Capo Testa bei starkem Maestrale

Aus den Richtungen Nordost, Südost, Südwest und Nordwest wehen vier weitere Winde.

  • MAESTRALE ~ North-West / Nord-West / Nord-Ovest (NW 315°): Der vielleicht bekannteste Wind Sardiniens (und des westlichen Mittelmeers). Der Name bedeutet „maestro ale“, übersetzt „Meister der Flügel“. Der Mistral kommt mit kalter Polarluft vom Atlantik, zieht über Südfrankreich zwischen den Pyrenäen und den Alpen oft mit Sturmstärke und teils mit schlechten Wetterfronten hinweg, nimmt auf dem Mittelmeer im Löwengolf weiter Fahrt auf, wird vor den Balearen, Korsika und Sardinien schwächer. Doch nur, um in der „Bocche di Bonifacio“ noch einmal Gas zu geben. Die Meerenge zwischen den beiden Inseln wirkt wie ein Trichter oder Staubsauger, der Mistral verstärkt sich speziell an ihrem östlichen Ausgang noch einmal um gut 2-3 Windstärken. An Tagen mit leichterem Mistral macht es die Region zu einem Paradies für Segler, Kiter und Windsurfer. Er weht oft mehrere Tage gleichbleibend stark, bringt – abhängig von der Wetterlage – gute Sicht, oft blauen Himmel, sorgt aber für fallende Temperaturen. Er ist ruppig und böig, und sehr unangenehm zu segeln – das zweite Reff reicht da oft nicht. Wenn es zusammen mit einem Tiefdruckgebiet auch noch regnet, bleibt man auf jeden Fall besser im Hafen oder einem warmen Haus. Kleiner Tipp: An Tagen mit guter Sicht lohnt ein Tagesausflug auf den Monte Limbara – dann kann man sich die Bocche di Bonifacio von oben ansehen – der Blick reicht bis zu den Bergen von Korsika.
  • GRECALE ~ North-East / Nord-Ost / Nord-Est (NE 45°): Auch „Greco“ genannt, kommt dieser Wind (von Malta aus gesehen) aus Richtung Griechenland – daher der Name. Im Winter trägt er über das ionische und tyrrhenische Meer oft kalte kontinentale Luft in den Süden und weht mäßig bis stark. Er selbst ist oft begleitet von Wolken und unbeständigem Wetter, er bringt aber auf seiner Rückseite meistens gutes Wetter mit und ermöglicht dann Traumsegeltage. An der Adria wird er begleitet vom Bora, einem sehr schnellen und kalten Wind.
  • SCIROCCO ~ South-East / Süd-Ost / Sud-Est (SE 135°): Dieser südöstliche Wind kommt aus Richtung des afrikanischen Kontinents, genauer Ägypten und der arabischen Halbinsel. Sein Name kommt vom arabischen Wort „shuluq„, was soviel wie „Mittag“ bedeutet. Er ist im Ursprung sehr warm und trocken; auf seinem Weg in Richtung Italien nimmt  er jedoch über dem Meer Feuchtigkeit auf, die sich zum Beispiel auf Sardinien in Form von Regen oder Morgentau mit rotem Wüstenstaub niederlässt. Die Sicht ist meistens schlecht und das Meer kann sich in seiner Gegenwart aufschaukeln, vor allem im Meer südlich von Sardinien. Im Sommer bringt er heiße und schwüle Luft – eine Herausforderung für Mensch, Tier und Vegetation. Bei Seglern vor Sardinien ist er aber  beliebt, weil er grundsätzlich gutmütig, gleichmässig und beständig ist und keine großen Überraschungen birgt. Segelgebiete im Westen und Norden, vor allem die Bocche di Bonifacio, werden dann gemütlich.
  • LIBECCIO ~ South-West / Süd-West / Sud-Ovest (SO 225°): Aus südwestlichen Richtungen (von Malta aus gesehen aus Libyen = der Namensgeber des Windes) weht dieser starke, feuchte und ungemütliche Wind. Starker Seegang, Stürme und intensive Regengüsse sind seine Begleiter.

Die Bezeichnung Wind-Rose stammt übrigens aus frühen Karten, und meint eigentlich die Lilie („fleur de lis„) als Symbol des Kirchenstaates. Sie war als Markierung für Norden gesetzt und hatte praktischerweise auch die Form eines T (für den aus Norden kommenden Tramontana). Auf anderen Darstellungen weist die Lilie nach Osten, wo das gelobte Land mit Jerusalem liegt.

Quellen und weitere Informationen über den Wind auf Sardinien

Infos über Schutzbuchten und Häfen auf Sardinien findet Ihr in unserem Artikel: Häfen und Buchten auf Sardinien (immer in Arbeit)

www.windsurfschooltornado.it
rosa dei venti, Windrose auf Wikipedia (it.)

Ausflüge: Wer einen guten Windtag erwischt, dem sei ein Bootsausflug auf dem sardischen Meer, z. B. ins Maddalena-Archipel nahegelegt, z. B. mit dem Segelboot Rumbera ab Palau, mit einem Charterboot (z. B. Ichnusa Charter in Cagliari), oder an ruhigen Tagen zum Whale Watching mit Orso Diving in Poltu Quatu in den Canyon di Caprera.

Buchempfehlung: Segelhandbuch „Lupo di mare“ von Bruno Cossu: auch das italienische Seglerlatein ist ähnlich merkwürdig wie das deutsche, da hilft so ein Buch unheimlich, wenn man plötzlich ein neues Großfall („drizza della grande vela„) kaufen muss oder das Boot mit „due gassi„, zwei Palstek festmachen soll.

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