Da ist eigentlich Wein oder Aquavit drin ...

Da ist eigentlich Wein oder Aquavit drin …

Das Schaf friert. Den ganzen Tag schon. Trotz Wolle.

Es ist der 22. Februar, es regnet, und ein kalter Wind fegt durch Sardiniens Süden.

Als wäre das nicht mühsam genug, ist bei dem Riesenfest, das es gerade in Sinnai besucht, wenig Wärmendes zu finden.

Denn was stellen sie an der Piazza Sant’Isidoro, wo das große Finale der Hirschjagd gezeigt werden soll, hin, um die Schaulustigen bei Laune zu halten? Einen wehrlosen Torrone-Stand.

Piazza Sant'Isidoro, präpariert mit Stroh ... man wartet im Regen

Piazza Sant’Isidoro, präpariert mit Stroh … man wartet im Regen auf “Is Cerbus”

Bars im Zentrum? Geschlossen, und nur eine Gelateria hat geöffnet – ein Eisladen! Bibberbibberbibber!

Doch da – ein Laden mit handgebrautem, wenn auch kaltem Bier. Das einzige was annähernd von innen zu wärmen imstande ist. Und das hier will Sinnai, das Zentrum der sardischen Aquavit-Kultur sein? Himmel, hilf!!!

Um hier das Ende des sardischen Karnevals zu feiern, muss  man schon ein wirklich großer Insel-Fan sein.

Zum Glück ist das schwarze Schaf genau das! Und natürlich ist die Darbietung der “Is Cerbus” absolut sehenswert.

Der Karneval in Sinnai – “Carnevale Sinnaese”

Sinnai, nordöstlich von Cagliari, ist ein Ort in der Ebene. Man lebt seit Jahrhunderten von der Landwirtschaft – heute haben viele der 17.000 Einwohner Jobs in der Inselhauptstadt, aber die Wurzeln sind unvergessen.

Cassadori und Cerbu - Jäger und Hirsch

Cassadori und Cerbu – Jäger und Hirsch

Eine dieser Wurzeln sind Hirsche. Man ist eng verbunden mit dem Gebirge, das sich im Osten des Ortes erhebt: die Berge des Parco dei Sette Fratelli, oder im sardischen Dialekt: Su Cungiau de Is Setti Fradis.

In diesen Wäldern lebt auch heute noch der sardische Hirsch, der “cervo sardo”. Vor einem guten Jahrhundert durfte man ihn auch noch jagen – was dem Bestand allerdings nicht so wahnsinnig gut getan hat.

Heute steht der Hirsch, wie das ebenfalls im Setti Fradis heimische Mufflon unter Schutz – also weichen die Jäger auf Wildschweine aus. Davon gibt es ziemlich viele, sogar in den Hügeln gleich hinterm Dorf.

Der Karneval in Sinnai ist sehr komplex und dauert auch mehrere Tage – jeder davon vollgepackt mit fröhlichen und mit vielen kleinen Festen und traditionellen Ritualen (mehr zum Carnevale Sinnaese hier, in italienischer Sprache).

Zum Höhepunkt der Festlichkeiten zeigt das Dorf am Sonntag nach dem “Martedi Grasso” vormittags die “Pariglie”, ein akrobatisches Reiterfest, und am Nachmittag die antike Tradition der Hirsch- und Wildschweinjagd.

Die verschiedenen Protagonisten vor dem Umzug durchs Dorf

Die verschiedenen Protagonisten vor dem Umzug durchs Dorf

“Is Cerbus” – “die Hirsche” heißt die Jagd, und ist ein wirklich gut inszeniertes Spektakel. Uns begegnen folgende Figuren:

  • Is Cerbus / Cerbu – cervo – der Hirsch
  • Cassadori – cacciatore – der Jäger (mit Flinte bewaffnet)
  • Cani – cane – der Hund
  • Is Canaxus / Canaxu – capo battitore – Treiber (mit Fellbehang, Glocken, und Schlagstock, Führer der Hunde)
  • Sirboni – cinghiale – das Wildschwein
  • Is Cerbixeddus – die “kleinen Hirsche” (Is Cerbus, verkörpert von den Kindern des Dorfes)

Die Tradition: der Mensch und die Natur

Is Canaxus - die Treiber

Is Canaxus – die Treiber

Zu Beginn läuft das Ganze noch ziemlich geordnet ab, und hier kann man schon etwas über die Jagd lernen. Es scheint, ein wenig möchte man mit dem archaischen Ritual versöhnen – nicht wenige Menschen halten Jäger schlicht für gemeine Barbaren.

Schauen wir mal, ob die Versöhnung annähernd gelingt.

In früheren Zeiten war die Jagd eine zeremonielle Sache. Man schoss nicht wahl- und endlos, schon gar nicht aus Spaß, sondern für den Bedarf des Dorfes. Ähnlich wie ein Bussard Mäuse jagt, bis er satt ist.

Ganz fair ist der Kampf gleichwohl nicht – denn so ein Hirsch hat der bewaffneten Jägermeute wenig entgegenzusetzen. Er kann höchstens abhauen, wenn ihm sein Leben lieb ist.

So ist die Zeremonie “Is Cerbus” auch als die Überlegenheit des Menschen über Natur zu verstehen.

Am Ende gewinnt der Cassadori, der Jäger

Am Ende gewinnt der Cassadori, der Jäger

Das Verhältnis zum Tier ist gleichwohl bei den Leuten, mit denen das schwarze Schaf spricht, von Respekt geprägt. Man ist dankbar und ehrfürchtig. Ein Hirsch sei ein edles, stolzes Tier und ein Schatz Sardiniens, den man bewahren muss. Das würde man heute nicht mehr töten.

Wer hier also mit einem großen Fressen mit Hirschfilet oder Wildschweinbraten in den Restaurants rechnet, wird in den meisten Fällen enttäuscht. Wild steht auf Sardinien so selten auf dem Speiseplan wie bei uns die guten sardischen Fregola.

Für die Arterhaltung der sardischen Hirsche wohl auch ganz gut so.

Einer der Canaxus, der Treiber, erzählt von den echten Jagden auf die Wildschweine, die man auf der Insel ja noch jagen dürfe. Zwar nur von November bis Januar, und nur an Sonntagen – aber immerhin.

Die Wildschweine seien auf keinen Fall vom Aussterben bedroht. Im Gegenteil. Die sind “molto molto furbo”, also extrem klug – und es gäbe Jagden, da kämen von 50 Schweinen 49 mit dem Leben davon. Man brauche sehr viel Erfahrung, einiges Geschick, muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – und vor allem ginge nichts ohne gute Spürhunde.

Is Cerbus und Is Canaxus

Is Cerbus und Is Canaxus

Zurück zu den Masken und ihrer Bedeutung.

“Is Cerbus” von Sinnai sind ein klein wenig verwandt mit den Boes von Ottana, und zeigen auch sonst gewisse Ähnlichkeiten mit anderen sardischen Masken. Sie sind als Gruppe zu verstehen, also die Hirsche im Zusammenspiel mit den anderen Figuren – es gibt sie niemals allein.

Die schwarzen Gesichter symbolisieren all das, wovor der Mensch sich fürchtet: den Tod, den “schwarzen Mann in Verkleidung”, die Kälte des Winters, die grausame und unbeugsame Natur. Und die doch gleichzeitig gütige Mutter ist. Die zwar nimmt, aber auch gibt.

Die Jagdszenerie, die in Sinnai zum Ende der Karnevalszeit nachgestellt wird, ist auf Sardinien einzigartig.

Der Auftakt: der Lauf durch die Gassen des historischen Zentrums

Das schwarze Schaf stapft am frühen Nachmittag zum Museo Civico, wo die “Vestizione di Is Cerbixeddus”, also das Verkleiden der Kinder stattfindet.

Is Cerbus - und ihr Gang durch die Gassen des centro storico

Is Cerbus – und ihr Gang durch die Gassen des centro storico

“Die starken Wurzeln unserer Kultur sollen weiter leben. Wir freuen uns über alle Kinder, die Interesse haben, mitzumachen. Eigentlich fehlt es nie an Figuren”, sagt eine der Museumsangestellten, die einem Kind gerade das Wildschweinfell überstreift.

Bei den Kleinen machen erstaunlicherweise viele Mädchen mit – in der Gruppe der Erwachsenen hingegen vermisst man junge Frauen. Is Cerbus, das sei Männersache.

Die klassische Rolle von Mann und Frau ist eben noch tief verwurzelt – aber das wird keinesfalls abwertend verstanden.

“Unsere Männer sind auf der Jagd. Und wir erklären unseren Kindern den Wert der Tradition. Wir sorgen dafür, dass sie ewig weiter lebt”, erklärt eine durchaus selbstbewusste Mutter, die ihren Fünfjährigen gerade als Hund verkleidet.

Is Cerbuxeddus zeigen ihre eigene Aufführung - stolz wie die Großen

Is Cerbuxeddus zeigen ihre eigene Aufführung – stolz wie die Großen

Der Kleine ist furchtbar stolz. Wohl auch deswegen, weil Kinder an diesem Tag genauso ernst genommen werden, wie die großen. Nur schießen dürfen sie nicht, aber das ist für alle okay, man behilft sich mit der Stimme.

Die Erwachsenen des Vereines “Is Cerbus” sind im Schatten der Chiesa di Santa Barbara versammelt. Stolz und kraftvoll tönen die Stimmen über den Platz, Glocken schellen. Man wird ein weiteres Mal in der Zeit zurückversetzt.

Gegen 16 Uhr trifft man die ersten Masken auf den Straßen des Dorfes.

Der Hirsch, das respektierte Waldtier, ist die zentrale namensgebende Figur. Aber die Szenerie der “Is Cerbus” wäre nicht vollständig – und vor allem nur halb so eindrucksvoll – ohne die anderen Figuren.

Sieht man auch nicht oft: ein Hirsch am Fenster

Sieht man auch nicht oft: ein Hirsch am Fenster

Die Jäger, die “Cassadori”, schießen mit ihren Flinten (natürlich nur mit Platzpatronen) erst in die Luft und später auf die imaginären Hirsche.

Vorsicht, wenn ihr zufällig neben einem Jäger steht: Wenn er plötzlich einen Schuss loslässt erschrickt man ganz schön, wenn man den Ton nicht kennt. Irgendeine Ur-Angst wird hier angesprochen. Schnell weg, an den Rand der Szene.

Der “Capo della Caccia” bläst ins Horn, “is cornus” und ruft zur Jagd. Die Treiber, die Canaxu, brüllen und rufen und springen, dass die Glocken auf ihrem Rücken laut tönen, ihre Hunde jaulen.

Hier und da spielen ein paar Männer “Sa Murra”, das alte sardische Fingerspiel.

Irgendwann setzen sich die beiden Gruppen – “Is Cerbixeddus e Is Cerbus”, die kleinen und die großen Hirsche – in Bewegung.

Der Jagdführer, "Capo della Caccia" bläst zur Jagd

Der Jagdführer, “Capo della Caccia” bläst zur Jagd

Viele Dorfbewohner folgen ihnen quer durch die engen Gassen des centro storico. Hier und da springen einige der “Hunde” um Autos, oder jagen junge Frauen. Von den Is Canaxus, mit ihren schwarz gefärbten Gesichtern, bekommt man zuweilen etwas Ruß auf die Stirn (das bringt natürlich Glück).

Die “Hirsche” vollführen ein paar kleinere Showeinlagen: springen in Hauseingänge oder klettern in Fenster, simulieren kleine Kämpfe oder legen sich entspannt auf die Strasse.

Dann erreichen sie den weiten Platz Sant’ Isidoro, wo schon hunderte Schaulustige warten.

Das Finale: die große Jagd auf der Piazza Sant’ Isidoro

Die Piazza ist umrahmt von steinernen Treppen, auf denen einige Hundert Zuschauer Platz haben – für alle gibt es einen tollen Blick auf den Höhepunkt, die große Jagd.

Zuerst zeigen die kleinen “Cerbuxeddus” auf dem mit Stroh ausgestreuten und einigen Büschen und Bäumen dekorierten Platz ihr Können.

Und dann führen “Is Cerbus” die “caccia grossa” auf:

Zunächst treten die Jäger auf den Plan. Jeder “Cassadori” versteckt sich hinter den Büschen und am Rand des Platzes und wartet, bis die Tiere herbeilaufen und in Schussweite sind.

Cerbu auf der Flucht ...

Cerbu auf der Flucht …

Hirsche, “Cerbus” und Wildschweine, “Sirboni” laufen herein. Etwa zehn, zwölf Tiere bewegen sich frei auf dem Platz, kämpfen miteinander, legen sich schließlich zur Ruhe hin.

Nach einiger Zeit dann das erste Gebell – die Hunde, “Cani”, haben die Wildtiere aufgespürt, scheuchen sie auf und treiben sie aufgeregt zusammen.

Hunde jagen Hirsche

Hunde jagen Hirsche

Die Treiber, “Canaxu”, bilden eine gemeinsame Linie und verengen den Raum für die Hirsche immer weiter, schneiden ihnen den Weg ab.

Die Jäger schießen, und erwischen einige Tiere – der ein oder andere fällt mit Radschlag spektakulär zu Boden und bleibt dann liegen. Einige Tiere finden einen Auswege und flüchten sich in einen Hof hinter dem Platz.

Die Treiber und Hunde folgen ihnen, dann beginnt die Szenerie von neuem, bis alle Tiere das Zeitliche gesegnet haben. Jäger und Treiber tragen die erlegten Hirsche und Wildschweine zusammen, die Hunde bewachen sie.

Zum Ende führen sie einen lautstarken Tanz um die am Boden liegenden Hirsche und Wildschweine auf – und die Aufführung ist vorbei.

Die Cani, die Hunde, bewachen die erlegten Hirsche

Die Cani, die Hunde, bewachen die erlegten Hirsche

Bereits in den verhallenden Applaus mischen sich die unverkennbaren Töne der “Launeddas”, der sardischen Hirtenflöte, und eines Harmoniums – das heißt nichts anderes, als dass jetzt das Fest beginnt: Die ersten haken sich unter und beginnen den “Ballo Sardo”.

Das schwarze Schaf hat während des Umzugs und der Aufführung ganz vergessen, weiter zu frieren, und der Regen war am Ende gar nicht so schlimm. Langsam wärmt sich das Gemüt.

Und es wird trotz des immer noch wehenden kalten Windes sogar gemütlich auf dem Platz: der selbst mitgebrachte Wein und Aquavit fließen.

Und das ist auch der schwarzschafige Tipp des Tages an alle, die dieses  Spektakel besuchen: Zieh Dich warm an, nimm Dir eine Thermoskanne Tee, Wein oder etwas Hochprozentiges mit.

Auf jeden Fall ist der Carnevale Sinnaese ein wirklich erlebenswertes Stück sardischer Kultur!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sardinien-Impressionen von unterwegs

  • Olbia in der Nebensaison sardinienimnovember sardinien nebensaison blau sardinienreisebuch
  • Gran bello gatto  nei boschi di SeuloSadali  sonohellip
  • Jaaaa bei sardiniaferries bekommen schwarze Schafe schonmal den roten Teppichhellip
  • Das schwarze Schaf ist heute in Berlin beim Circolo Sardohellip
  • Vermutlich das wichtigste Denkmal der Welt  probabilmente il monumentohellip