Der Wind, heute mäßig aus Ost, trifft nach seinem Weg über das Tyrrhenische Meer zum ersten Mal auf Land. Wir sind am östlichsten Punkt Sardiniens. Und gleichzeitig an dem Punkt, der dem italienischen Festland am nächsten ist. Hier ist ein Insel-Superlativ.

Faro di Capo Comino

Faro di Capo Comino

Dabei tut dieser Ort ganz harmlos. Ist ganz unaufdringlich. Sehr natürlich und unaufgeregt. Erstaunlich, wo er sich doch gar nicht verstecken muss und die Region Baronia fantastisch repräsentiert.

Der Leuchtturm von Capo Comino

Der Leuchtturm / Faro di Capo Comino ist das Willkommen und das Achtung im Osten der Insel. Er ist vielleicht keine ausgesprochene Schönheit, aber Handels- und Sportschiffe, die hier passieren, freuen sich über sein Lichtzeichen, das er alle fünf Sekunden bis zu 15 Seemeilen weit sendet.

Protest gegen Atomkraft

Protest gegen Atomkraft

1903 wurde der alte Leuchtturm errichtet, aber erst 1925 von der Marine in Betrieb genommen. Drei Stockwerke hoch und unbewohnt, ist er erst kürzlich renoviert worden und strahlt weiß. An seiner Südseite haben Sprayer gleich ein wenig Farbe hinzugefügt und damit gegen die Errichtung von Atomkraftwerken auf Sardinien protestiert.

Das ist hier sehr passend, denn tatsächlich hatte sich Italien gerade Capo Comino als Standort für ein neues Kraftwerk ausgesucht. Pech, wenn man zu den am wenigsten erdbebengefährdesten Plätzen des Landes gehört. Da kann man noch so hübsch sein.

Zum Glück sind Dank eines Referendums der sardischen Bevölkerung und wegen der Fukushima-Katastrophe hier erstmal weiter nur schöne Natur und ein paar Sommergäste.

Dünen und Neptungras

Capo Comino - weiße Dünen

Capo Comino – weiße Dünen

Feiner, feinster, nein, allerfeinster weißer Sand, der sich weit ausbreitet – am Strand von S’Ena e Sa Chitta lässt sich im Sommer echtes Beachlife genießen.

Ein Stück weiter Richtung Süden türmt sich der Sand zu weißen Dünen auf. Solche Sandberge sind selten an der Ostküste und damit auch gleich die höchsten auf dieser Inselseite.

Hinter den Dünen, vor der vorgelagerten Isola Ruja, der roten Insel, lockt ein sehr naturbelassener kleiner Strand. An der Straße, die direkt auf das Meer zu führt, sind in der Rechtskurve eine Beachbar und ein Parkplatz – direkt dahinter liegt dieser besondere Platz.

Allerdings muss man sich zuweilen mit leicht modrig riechenden Haufen von Neptungras arrangieren – bei ablandigem Wind geht das durchaus.

Idylle vor der Isola Ruja

Idylle vor der Isola Ruja

An dieser Stelle möchten wir mal eine Lanze für die olle Pflanze brechen. Denn vielleicht hilft zu wissen, dass sie wichtig dafür ist, dass die Küsten Sardiniens so schön sind, wie sie sind.

Sie tut nämlich mehr fürs Klima als wir selbst und wandelt enorm viel CO2 in Sauerstoff. Es ist ein gutes Zeichen für ein natürliches Gleichgewicht im Meer, wenn sie da ist.

Sie verrottet eigentlich genau in einer Saison – und wenn’s mal länger dauert, ist das auch nicht schlimm. Genauer ist das auf Schildern an manchen sardischen Stränden nachzulesen.

Leider stirbt das Neptungras, die Posidonia oceanica, aus und wir freuen uns, dass sie auf Sardinien noch gibt.

Ist sie weg, können wir davon ausgehen, dass irgendwas nicht stimmt. Der ein oder andere reklamierende Ferienhausbesitzer, der von der den Sarden verlangt, dass die Strände immer blitzeblank geräumt werden, kann darüber ja nochmal nachdenken.

Berchida - auch im Sommer genug Platz für alle

Berchida – auch im Sommer genug Platz für alle

An diesem kleinen Strand jedenfalls darf alles natürlich sein. Und das ist gar nicht so unromantisch. Man sieht selbst im Hochsommer Fischer bei der Arbeit, Vögel auf Futtersuche und man muss sich nicht zwischen Schirmen, Liegen und Badetüchern einen freien Platz jagen. Und ne Beachbar ist auch in der Nähe, was will man mehr!

Weiter nach Süden

Vorbei am Leuchtturm, nach einem einige Kilometer langen Marsch oder einer staubigen Fahrt auf einem Schotterweg, landet man am Strand von Berchida, den man aber auch von der Landstraße aus erreicht.

Weißsandig auch er. Und einfach traumhaft. Soviel Weite, da geht nicht nur dem Exilholsteiner das Herz auf. Hier gibt es zwar Abschnitte, wie fast überall in der Hauptsaison, die sehr voll sind (vor allem die in Parkplatznähe). Aber schon ein-, zweihundert Meter weiter liegt man mit meterweitem Abstand zum nächsten Sonnenanbeter.

Danach kommt gen Süden noch die wunderbare Cala Ginepro und irgendwann auch das eher steinig-wilde Sos Alinos und schließlich der weite Strand vor Orosei. Wer hier keinen Platz nach Gusto findet, ist fast selbst schuld.

Die Wracks

Genug an Land gewesen? Genug aufs Meer gestarrt? Dann hinein und hinunter! In der Bucht von Capo Comino sollen die Reste einer römischen Flotille des Kaisers Nero zu finden sein, die hier in einem Sturm Schiffbruch erlitt.

Blick nach Norden zur Isola Tavolara

Blick nach Norden zur Isola Tavolara

Außerdem finden Taucher hier am Meeresboden das Frachtschiff Comandante Bafile, das 1942 auf dem Weg nach Cagliari sank, sowie ein kleines französisches Jagdflugzeug, das 1963 havarierte.

Das Hinterland

Hinter den Stränden erhebt sich der ein oder andere Berg im Hinterland, Trekking oder Mountainbiken geht hier natürlich auch (Eine schöne MTB-Tour ist auf mtb-forum.it beschrieben, inkl. Karte (ital.)).

Das probiert das schwarze Schaf gern mit einer echten Tour aus, heute war es nur easy auf Spaziergang.

Allein das Panorama an klaren Tagen in Richtung Norden zur Isola Tavolara, auf deren kantigen Drachenrücken heute wieder eine kleine Wolkendecke liegt, ist ein Garant für Entspannung. Wir brauchen da erstmal kein besonderes Programm mehr.

Schafe auf den Nebenstraßen Richtung Orosei

Schafe auf den Nebenstraßen Richtung Orosei

Nichtsdestotrotz gibt es in der Umgebung einiges zu entdecken, das nicht unbedingt auf dem Reiseplan jedes Sardinien-Touristen steht.

Statt sich die Grotte Ispinigoli (auch nicht weit entfernt) mit vielen anderen zu teilen, tut’s vielleicht auch ein entspanntes Erkunden einer (natürlich viel) kleineren, naturbelasseneren Version. Da gibt es auf dem nur ca. 20 km entfernten Montalbo bei Siniscola gleich zwei, die nur schwarze Schafe besuchen: „Sa Prejone e s’Orcu“ und „Sa Conca Ruja„.

Nuraghen, Feenhäuser und Gigantengräber dürfen auch nicht fehlen – da wären … zwischen Siniscola und La Caletta die Domus de jana „Cucuru ‚e Janas“ … bei Berchida ein pränuraghisches Dorf und das seit dem Mittelalter verlassene Dorf „Villaggio di Rempellos“ … die Gigantengräber „Su Picante“ und „Su ‚Itichinzu„, auf dem Weg nach Irgoli.

Und dann könnt man noch einen Ausflug nach Galtelli machen und nach Orosei und weiter in den Supramonte fahren …

Cala Ginepro - Strandspaziergang im Herbst

Cala Ginepro – Strandspaziergang im Herbst

Der Herbst

Dieser Platz ist schon sehr anziehend. Nicht nur im Sommer, wo man anderen Reisenden durchaus begegnen oder aus dem Weg gehen kann – ganz wie man möchte.

Nein, auch im Herbst, wenn hier wirklich niemand mehr ist, nur ein paar Angler, Pärchen und Spaziergänger, ist es wunderbar. Dann starten aus den Lagunen hinter den Stränden hübsche Vögel, trifft man Schäfer und ihre Herden auf den Straßen und begegnet man Tauchern mit Harpunen.

Man erlebt die Insel hier weit im Osten, ganz so, wie sie eben ist. Einfach schön.

2 Comments

  1. Carla

    30. Dezember 2012 at 18:15

    Kleine Richtigstellungen:

    S’Ena e Sa Chitta liegt auf der Ost- nicht West-Seite.

    Neptungras ist Seegras und hat mit Algen überhaupt nichts zu tun!
    Das abgestorbene Seegras, das sich an den „günstig liegenden“ Stränden türmt, hat, im Gegensatz zum Herbstlaub, das einen Boden schützt und düngt, keinen besonderen positiven Effekt. Die sardischen Behörden argumentieren hier gerne mit dem positiven Effekt des Seegrases – gemeint ist dabei aber vorrangig das frische, grüne, am Meeresboden wachsende Seegras. Somit haben sie aber eine gute Ausrede, wenn das alte Gras zum xten-Male von den Wellen an den Strand geworfen wurde und wieder erneut (weil feucht) vor sich hin stinkt und nicht weggefahren wird, bis es wieder ins Meer gezogen wird und in einigen hundert Metern Entfernung am Meeres Boden liegt. Einen Nutzen bringt es dort kaum – erstickt u.U. sogar noch vorhandene Seegras-Felder. Auf vielen Luftaufnahmen oder Erdgoggel kann man dies genau erkennen. In anderen Regionen sammelt(e) man dies und die Seebälle, um daraus Matratzen und Dämm-Material zu machen. Das ist die tatsächlich ökologischere Nutzung.

    Auch an Sardiniens Küsten wird das Seegras immer weniger!

    Reply
  2. admin

    6. Januar 2013 at 23:51

    Liebe Carla, Danke für Deinen Kommentar und fürs aufmerksame Lesen!

    Westküste, das war natürlich Quatsch, haben wir korrigiert. Wir haben das Neptungras scherzweise als „olle Alge“ bezeichnet – nun heißt es eben „olle Pflanze“ (Anm. d. Red. Juni 2013: Und das, obwohl wir sie gar nicht oll finden – hier ein kleiner Nachtrag, ein Artikel über das Seegras und seine Wirkungsweise: http://pecora-nera.eu/seeball-meerball-neptungras/)

    Zu dem Thema Seegras an Land gibt es tatsächlich unterschiedliche Auffassungen. Wir finden einfach, dass die Natur sich gut selbst reguliert, wenn man sie nur lässt. Dass das immer schwieriger wird (gerade auch, weil das Seegras fehlt), ist unbestritten.

    Wir stören uns einfach nicht daran, wenn es sich auch mal an Land türmt. Natürlich müffelt es – aber da hilft nur: Nase in den Wind und auf die abgewandte Seite traben. Die Idee mit den Matratzen und Dämm-Material ist aber bestimmt super und auf jeden Fall eine Alternative.

    Ich wünsche Dir ein schönes neues Jahr!

    Reply

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