Das schwarze Schaf hatte sich den Canyon Gutturu Cardaxius schon lang auf seine »Bucket List« fürs Trekking gesetzt. Dabei ist die Schlucht eher etwas zum Klettern.

Cala Domestica - durch den Fels zur Cala Grande

Cala Domestica – durch den Fels zur Cala Grande

Ein Wochenende im Sulcis lag hinter dem Schaf und es nahm die SS 126 in Richtung Norden, bog dann auf die traumhafte Provinzstraße 83 nach Buggerru. Gegen Mittag hatte es sich mit Kletterern in der Schlucht verabredet.

Der Trek zur Schlucht Gutturu Cardaxius soll richtig, richtig schön sein.

Erste Wahl also. Bis Mittag war noch Zeit, also erstmal ein Frühstück mit Meerblick. Denn der Ausgangspunkt für den Trekkingpfad liegt in der wunderbaren Cala Domestica.

An diesem sonnigen, warmen Herbstmorgen (unfassbar, war wirklich schon November?!) war kein Mensch sonst am Strand. Ein Segelboot schaukelte angestrengt in den Wellen.

Die Bucht galt früher als ideales Versteck, weil sie von See aus nur schwer auszumachen ist. Vor allem aber war sie Ladestelle für den Bergbau, hier wurden Mineralien aus den lokalen Minen verschifft.

Die verschwindenden Überreste eines Kais in der Nachbarbucht Cala Grande sind ein Zeugnis davon. Auch die Ruinen in der Cala Domestica stammen aus dem Bergbau. (Übrigens: Ab der Cala Grande gibt es einen anderen tollen Trek bis zur Mine Galleria Henry in Buggerru.)

Bei quasi jeder Wanderung im Iglesiente begegnet dir das Bergbau-Thema. So ist es auch hier.

Der Weg die Schlucht

Eckdaten:

  • Markierter Pfad: Abschnitte von Trekkingpfad 301 und 302
  • Start / Ende: Cala Domestica > Canyon Gutturu Cardaxius / Miniera di Scalittas > Miniera di San Luigi
  • Länge ca. 4 km, Dauer ca. 2 h (einfacher Weg)
  • Alternativen im Anschluss, weites Wegenetz ab/bis Buggerru als Rundkurs
  • Detaillierte Karte auf sardegnadigitallibrary.it (PDF)
Cala Domestica und das Hinterland von oben. Quelle: promozioneturismosardegna.it

Cala Domestica und das Hinterland von oben. Quelle: promozioneturismosardegna.it

Der Weg ins Landesinnere ist kaum zu verfehlen. Links und rechts erhebt sich die Berglandschaft von Buggerru. Solang du also nicht anfängst, irgendwo bergauf zu steigen, bist du richtig.

Die Provinzstraße SP 83 stellt sich dir nach einiger Zeit in den Weg. Die querst du einfach, der Weg ist auf der anderen Seite erneut markiert.

Fast die gesamte Strecke ist ein komfortabler, breiter Schotter-Forstweg. Der kann in der Nebensaison ausgewaschen sein – falls du hier also mit deinem Auto und Kletterzeug durch willst, solltest du sicher sein, dass dein (Miet-)Wagen das aushält.

Insofern ist der Canyon auch ideal für Kletterer, die schnell ankommen und gleich loslegen wollen. Sei vorsichtig und parke so, dass andere noch vorbei kommen und du das Ambiente nicht störst.

Etwa nach zwei Dritteln des Weges erreichst du die Berge und die Mine Is Scalittas, die du sowohl entlang des Flussbettes als auch oben im Steinbruch durchqueren kannst.

Anschließend beginnt der Canyon Gutturu Cardaxius. 

Klettern im Canyon: Istentales und Banana Republic

Neben seiner landschaftlichen Schönheit ist Gutturu Cardaxius vor allem ein Top-Ziel für Kletterer.

Hier findest du anspruchsvolle Wände und Routen, z. B. im Sektor Istentales und eine der wenigen glatten  Überhang-Wände Sardiniens: Vox Populi im Sektor Banana Republic. 

Im Sektor Istentales sind tolle Routen, vor allem die 6c und 7a Routen. Durchschnittlich brauchst du 50 bis 60 Meter, und am besten sogar 70 Meter – drei Routen sind 35 Meter lang! » Alle Routen und Längen in Istentales auf arrampicatasardegna.it.

In Italien und damit Sardinien ist bei der Kennzeichnung der Routen übrigens häufig die französische Schwierigkeitsskala gebräuchlich.

Ihre Namen sind wie ein kleiner Einblick in Sardiniens Seele. Sie heißen zum Beispiel Indipendenzia (Unabhängigkeit, 6a), Berrittas (Name der flachen Mütze der Männer, 6b)  Murales (Wandgemälde, 6b+), Pastores (Hirten, 6c+), Istella Lughente (Name eines sardischen Weihnachtsliedes, 7a+), Tirannia (bezogen auf die Tyrannei der Besatzer, 7a+), Istentales (soll der Name sein, mit dem Hirten in alten Zeiten den zuerst aufgehenden Stern aus dem Sternbild Orion genannt haben, 7a), Sardigna (antiker Name Sardiniens, 6c), Populu Sardu (sardisches Volk, 6c).

Die leichteren Routen haben so hübsche Namen wie Sirbone (Wildschwein) und Bau Bau (das ist eine einfache 3er Route, theoretisch für Kinder geeignet, praktisch sind die Abstände ziemlich weit).

Aktive Klettergemeinde im Südwesten

Das schwarze Schaf trifft die beiden lokalen Kletterer aus Fluminimaggiore. Begrüßt wird der wollige Wanderer mit den idyllischen Geräuschen einer Bohrmaschine: Zwei neue 7er-Routen werden gerade eingebohrt.

Einer sichert unten, der andere bohrt oben. Das Sixpack Ichnusa ist – ebenso wie Material und Werkzeug, das oben gebraucht wird – in Reichweite.

»Das trinkt er da oben. Ich mag Ichnusa nicht besonders. Industriebier« sagt der Mann am Boden. Und: »Meglio vino.« Lieber Wein.

Klettern im Sektor Istentales

Klettern im Sektor Istentales

»A me piace la birra artigianale« tönt es von oben. Die Akustik in der kleinen Schlucht ist fantastisch, man hört jedes noch so leise Wort. Bald philosophiert man zwischen Himmel und Erde über die Qualität sardischer Biere. Zum Glück hat das schwarze Schaf sich schon ein bisschen durch die Bier-Landschaft Sardiniens gesüffelt und kann halbwegs mitreden.

Dann erfährt es aber auch, warum der Sektor so beliebt ist: Eine Wand liegt morgens in der Sonne und nachmittags im Schatten – und um die nächste Ecke ist es genau umgekehrt. Sprich: Du kannst hier den lieben langen Tag klettern.

»Wenn du den ganzen Tag da bist, entdeckst du erst, welche Möglichkeiten es gibt.«

Eine Wahrheit, die nicht nur Kletterer, sondern alle Outdoor-Freunde bestätigen können.

Sonntagsnachmittags-Familienausflug

Während er seinen Freund sichert, erzählt Marco, dass sie oft sonntags in der Nebensaison mit der Familie herkommen, wenn es schön ist. Die einen klettern, die anderen gehen mit dem Hund hinauf zur Mine und wieder zurück, manche beobachten Tiere oder sitzen einfach nur und quatschen.

An der engsten und dunkelsten Stelle der Schlucht pfeift der Wind

An der engsten und dunkelsten Stelle der Schlucht pfeift der Wind

Den ganzen Tag wird gemeinsam gepicknickt. Ein typischer Sonntagsnachmittags-Familienausflug im Iglesiente.

Und eigentlich lernen sie hier immer irgendwelche neuen Leute kennen. »Austriaci!« – Österreicher – tönt es von oben.

»Stimmt. Irgendein Profi, ein Österreicher hat vor ein paar Jahren diese Wand geklettert und darüber in einer Zeitung geschrieben. Ich weiß nicht genau, welche Zeitung und weiß nicht, wer es war, aber seitdem kommen seine Landsleute her.«

Ihm sei egal, wer da ist. Wichtig sei, dass alle Spaß haben und sich gegenseitig respektieren.

Hier im Canyon ist kein großer Touristenverkehr, das sei sehr angenehm. Ein echter Vorteil ist, dass der Canyon mit zwei Minen und einer tollen Natur auch so sehenswert ist. Hier könne sich jeder irgendwie beschäftigen, selbst wenn nicht alle in einer Gruppe klettern. Und die Frauen, sagt er, stöhnen nicht so über die Hitze.

»Aber über den Wind!« wirft der andere von oben ein. Wie auf Abruf pfeift eine heftige Bö durch die Schlucht. Der Wind weht bereits die ganze Zeit, aber jetzt zieht es an und macht herrliche Windgeräusche.

Nachmittags nimmt der Wind zu. Er weht durch die Schlucht in Richtung Meer. Er ist zwar ziemlich kalt (eine wind- und wasserabweisende Jacke ist durchaus angenehm) aber das schwarze Schaf findet ihn nicht störend. Im Gegenteil. Der Sound der strömenden Luft gibt der Schlucht etwas Wildes, Abenteuerliches.

Gefährlich? Nein. Die größte Gefahr ist nicht das, was die Natur dir an Felsen oder Schlucht hinstellt, sondern bist du selbst. Sprich: Wenn du dich verschätzt, dein Können überschätzt, das Wetter unterschätzt oder einfach nicht richtig vorbereitest – und dabei ist egal ob auf horizontalen oder vertikalen Wegen – dann kann jede Situation brenzlig werden.

Hier und heute ist alles entspannt. Im Winter soll das Klettern in der Schlucht sehr kalt sein, da die Sonne nur kurze Zeit den Weg hinein findet.

Highlight: Vox Populi

Nach einem gemeinsamen Ichnusa am Boden verabschiedet sich das schwarze Schaf, um weiter zu gehen. Weitere Klettermöglichkeiten finden sich in den Sektoren Piccolo Canyon und Sardus Pater

Spektakuläre Kletterwand Vox Populi im Sektor Banana Republic

Spektakuläre Kletterwand Vox Populi im Sektor Banana Republic

Ein paar Kurven später ist das Highlight der Schlucht erreicht: Der Sektor Banana Republic mit seiner wunderschönen, glatten Überhang-Wand Vox Populi.

Auch dieser steile Brocken hat zwei Seiten, die einfacheren Routen (zwei 5er und sieben 6er) befinden sich an der Ostwand.

Heute ist niemand oben. Ihr flacher Überhang wirkt, als wäre unmöglich, sie zu erklimmen. Sogar ihr »Erstbesteiger«, die sardische Kletter-Koryphäre Maurizio Oviglia (hier geht es zu seinem Blog) dachte beim ersten Anblick, sie sei unkletterbar.

Doch sie ließ ihm keine Ruhe. Zwar bohrte er erst Routen in den anderen Wänden ein, doch irgendwann kehrte er zu der Wand zurück.

Er begann quasi im Alleingang mit zwei Routen, Vox Populi und Feedback, über ein Jahr arbeitete er daran, denn immer wieder kam er an Stellen, an denen es nicht weiter ging. Nur ein paar kleinere Stufen, hier und da. Doch irgendwann war Vox Populi fertig, sie kratzt am 9er Grad.

Eine futuristische, nicht kletterbar wirkende Wand, wie aus einer anderen Welt.

Genau das macht ihren Reiz aus. Es juckt in den Hufen … Das ist allerdings soooo weit entfernt.

Aber, es wird nur geschaut und gestaunt und geträumt.

Bergbauambiente for free

Von den Kletterzonen tiefer in die Landschaft führt der Trek entlang des (trotz des beginnenden Winters) noch trockenen Flussbettes des Riu Cardaxius bis zur kleinen, pittoresken Miniera San Luigi.

Alter Förderturm der Miniera di San Luigi

Alter Förderturm der Miniera di San Luigi

Die Reste der Mine sind – wie so häufig bei den kleineren Minen – Teil der Landschaft. Sie sind sich selbst und dem Wetter überlassen und über die Jahrezehnte baufällig geworden. Manche Schilder sollen Kletterer abhalten, hier hinaufzusteigen.

Vielleicht zu Recht, denn sie sind ungesichert. Wenn du also Lust hast, durch die piekende Macchia auf den baufälligen, rostigen Turm zu steigen, ist das dein ganz eigenes Risiko.

San Luigi ist alt: Bereits seit 1871 wurde hier von wechselnden Bergbaugesellschaften erst Blei, dann Zink, Zinksulfit und das bläulich/türkis leuchtende Zinkcarbonat (Smithsonit) abgebaut. Bis 1956 war die Mine sehr aktiv, dann begann auch ihr Niedergang.

Ähnliches gilt für die zuvor durchschrittene Mine Is Scalittas, heute eine Geröllhalde, sämtliche Schächte sind verschlossen und kaum Gebäude vorhanden.

Zusammen mit der Mine Aquaresi (die an einem der anderen Wanderpfade liegt) ernährten sie das Dorf Buggerru, in dem zu den besten Zeiten über 10.000 Menschen sehr gut lebten. Heute sind es nur noch um die 1.200 Menschen, und nicht wenige von ihnen sind verarmt. Die Kehrseite des Bergbaus.

Endlose Trekking- und Wanderpfade

Die Pfade rund um Buggerru sind zwar lang und einsam, aber insgesamt nicht besonders schwierig, wenn du auf den Wegen bleibst. Wer versucht, sie zu verlassen, stößt allerdings eh schnell an Grenzen: Es ist nicht umsonst ein Kletterparadies, überall ist irgendeine felsige Wand mit dichtem Bewuchs im Weg.

Entspanntes Gehen auf eindeutigen Pfaden

Entspanntes Gehen auf eindeutigen Pfaden

Eine Eisenbahn-Transportlinie führte früher durch die gesamte Schlucht bis zur Cala Domestica. Auch wenn die Schienen weitgehend entfernt sind, ist die Orientierung dadurch, durch die alten Transportwege und durch die klaren Vorgaben der halbhohen Berge insgesamt sehr leicht.

Ein Guide ist also nicht zwingend notwendig, das schwarze Schaf hat die Ruhe (abgesehen von der Bohrmaschine) allein sehr genossen. Eine gute Idee ist es für alle, die zum ersten Mal in der Gegend sind, trotzdem, weil du sehr viel erfahren wirst, was sich dir auf eigene Faust nicht erschließen kann.

Anstrengend sind schlicht die Entfernungen. Theoretisch kannst du auf einem etwa 50 Kilometer langen Wegenetz mehrere Stunden, wenn nicht sogar Tage verbringen. Die unmarkierten Möglichkeiten noch gar nicht mitgezählt.

Der heutige Weg endet nicht zwingend bei der Miniera San Luigi, sondern gabelt an einem Stationshäuschen. Obwohl der gleiche Weg zurück nicht minder schön ist und nochmal andere Ausblicke gewährt, gibt es hier:

Weiterführende Alternativen

  • Geradeaus führt der Pfad 302A direkt am Berghang der Punta Farris entlang nach Norden oder du gehst durch die Mine und um den Berg herum, die Wegabschnitte treffen sich später wieder.
  • Der Pfad 302 führt nach Westen über die Hochebene Planeddas bis Genna Arenas, und an der Landstraße nach Buggerru (beendest du den Rundkurs wieder in der Cala Domestica, kommen so insgesamt fast 20 Kilometer zusammen).
  • Alternativ wechselst du auf den Pfad 303, der durch unbesiedelte und absolut einsame Landschaft führt und nach 8 Kilometern Buggerru von Norden erreicht.
  • Von der Mine San Luigi in Richtung Osten erreichst du über einen Abzweig nach rechts und eine Schotterstraße nach ca. 6 Kilometern die kleine Ortschaft Borgo Sant’Angelo. Von dort ist es bis zum Tempel von Antas in nördlicher Richtung noch ein weiterer Kilometer. Der Rückweg per Bus (etwa fünfmal täglich ab der SS126 / S. Angelo via Fluminimaggiore nach Buggerru, ca. 45 Minuten), per Mitfahrgelegenheit oder zu Fuß am folgenden Tag.

Weitere Informationen:

 

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