Das schwarze Schaf ist – oder vielmehr: war – passionierter Muschelsammler. Unendlich entspannend, ja fast schon meditativ ist, den Sand nach ihnen abzusuchen. Muscheln sammeln. Unendlich lang könnte das Schaf das machen. ADS hat es ganz sicher nicht.

Muschel, du darfst liegen bleiben

Muschel, du darfst liegen bleiben

Es bildet Häufchen aus großen und aus kleinen. Sortiert sie nach Art und Farbe. Mischt sie dann wieder durch und legt Figuren daraus. Blockiert für Ameisen den Weg aufs Handtuch.

Früher, im Urlaub an der Nordsee, egal an welchem Strand, hat es immer ein paar kleine Tüten mit nach Hause genommen. Die Familie hatte es bestärkt: Klar selber sammeln, die Muscheln, die man im Souvenirshop kaufen kann, sind ja nicht echt und viel zu teuer.

So ist es wohl zu erklären, dass auch viele Erwachsene nicht davor scheuen, Sand und Muscheln säcke- und flaschenweise mit in den Flieger zu nehmen.

Bitte nicht mitnehmen

An alle, die unwiderstehlich finden, Strandsand oder Muscheln mitzunehmen (und die müssen jetzt ganz tapfer sein): Sand und Muscheln sammeln und einsacken – das geht nicht.

»Warum?« fragt ein Urlauber das Schaf. »Ist das so schlimm?« Boh. Wenn es nur einer wäre, vielleicht nicht. Aber man kann es ausrechnen: Jährlich kommen etwa 12,5 Millionen Sommertouristen zwischen Juni und September. Nimmt davon jeder zehnte jeweils einen Liter Sand mit, sind das 1,25 Millionen Liter oder 1.250 Kubikmeter, die jährlich die Insel verlassen. Selbst wenn es nur 1% wären, wäre das immer noch zu viel. Denn was das auf lange Sicht mit den Küsten macht, stellen sich nur wenige vor. Leider.

  1. Muschelsammeln schadet der Natur. Das Meer braucht die Muscheln – auch die nicht mehr lebenden – für seinen Kreislauf. Es gibt teilweise schon mehr Plastik als Muschel, also lasst das bisschen doch einfach da, wo es ist. Jedes Gramm ist enorm wichtig für das eh schon gestörte Gleichgewicht der Natur.
  2. Es ist verboten. Der Codice della Navigazione (articolo 1162) sagt: „Chiunque estrae arena, alghe, ghiaia o altri materiali nell’ambito del demanio marittimo o del mare territoriale ovvero delle zone portuali della navigazione interna, … è punito con la sanzione amministrativa del pagamento di una somma da euro 1.549,00 a euro 9.296,00.“ – Grob übersetzt: Wer Strandsand, Algen, Sand oder anderes Material aus dem marinen Staatsbesitz oder den Küstenzonen oder den Hafenzonen entfernt, wird mit einer empfindlichen Geldstrafe belegt. Wenn einer nicht der Natur zuliebe auf Muscheln verzichtet: Vielleicht ist ihm der Geldbeutel ja näher.

Und jetzt bitte nicht aufregen über die Höhe der Strafe. Es ist total einfach, nicht von der Strafe betroffen zu sein! Einfach nix mitnehmen – schon bist du auf der sicheren Seite.

Eine Insel, die von ihren Stränden lebt, MUSS hohe Strafen verhängen. Das geht gar nicht anders.

Die Zerstörung des Lebensraumes ist einfach hohen Schadenersatz wert. Denn im Endeffekt ist Strandsand mitnehmen nichts anderes – es ist nur vielen egal, weil es nicht ihr eigenes, ganzjähriges Zuhause ist.

Neiiiin, Finger weg! Nicht mitnehmen!

Neiiiin, Finger weg! Nicht mitnehmen!

Das Hobby des Muschelsammlers stirbt also zwangsläufig aus. Und das ist sogar gut so!

Der rosa Strand von Budelli

Die Geschichte der Insel Budelli ist da ziemlich eindrücklich. Da gab und gibt es den berühmten rosa Strand.

Damit ein Strand rosa wird, müssen Meeresflora, Wind und Strömung eine besondere Konstellation bilden. Außerdem darf der Strand in seinen natürlichen Abläufen nicht gestört werden.

Höchst selten im Mittelmeer.

Das schwarze Schaf hat noch einen kleinen Strand an der Punta Sabina auf der Isola Asinara gefunden, an dem es ebenfalls rosa glitzerte. Und es soll noch einen auf Kreta geben.

Ein einzelliges und schalenbildendes Lebewesen, die Miniacina miniacea sorgt dafür, dass der Strand seine Farbe bekommt. Sie hat sich die Posidonia, das Seegras, als Lebensraum ausgesucht und trägt gemeinsam mit dieser einen großen Teil zur Stabilität der Wasserqualität im Mittelmeer bei.

Wenn diese Lebensform stirbt, lagern sich die Schalen ab und werden wind- und strömungsbedingt am Strand angespült und – bei einer bestimmten Lage des Strandes – auch nicht wieder fortgetragen. Höchstens mal von Strandsand überdeckt. Im Laufe der Jahre wird das ganze schön rosa.

Miniacina bei Punta Sabina, Isola Asinara

Miniacina bei Punta Sabina, Isola Asinara

Es sei denn, Mensch kommt und nimmt den Sand mit.

So geschehen auf Budelli in den Siebzigern und Achtzigern, als gut 3.000 Menschen pro Tag im Sommer den Strand bevölkerten. Nicht wenige davon nahmen Sand mit.

Das, was in jahrzehntelanger Arbeit von Wind, Wellen, Posidonia und Miniacina rosa wurde, war irgendwann ein ganz normaler Strand.

Das Rosa muss heute mit Photoshop hinzugemogelt werden, so wenig ist davon noch mit bloßem Auge zu sehen.

Die Schale der Miniacina, eines einzelligen Meereslebewesens

Die Schale der Miniacina, eines einzelligen Meereslebewesens

Der berühmte spiaggia rosa / rosa Strand (er heißt übrigens eigentlich die »Cala di Roto«) gehört mittlerweile zur Zone A (tutela integrale – vollständiger Schutz) des Nationalparks Arcipelago di La Maddalena.

Verboten sind das Betreten, das Ankern, das Anfahren und der Aufenthalt im gesamten Jahr (mehr auf www.lamaddalenapark.it).

Der Schaden ist trotzdem bis heute nicht wieder gut gemacht. Kann auch gar nicht. Denn so ein Kilo rosa Sand braucht einige Jahrzehnte, um zu entstehen.

Die gute Nachricht des letzten Jahres: Jemand, der vor dreißig Jahren etwa ein Kilo Sand mitgenommen hatte, hat diesen jetzt zurückgebracht. Ein Lichtstreif am Horizont.

Auch im ersten Mittelmeer-Urlaub vor fünfzehn Jahren hat das schwarze Schaf aus lauter Unwissenheit ein Glas mit Muscheln gefüllt. Das stand (immerhin) noch in einem sardischen Ferienhaus. Erst war es nur Deko, und bald wurde es ein tägliches Mahnmal, das ans Gewissen appellierte, es wieder zurück zu bringen. Dort, wo es hingehört. Irgendwann war der Ruf so laut, da hat es die gesammelten Teilchen in einer Bucht wieder ausgekippt. Sorry, Insel.

Statt Muscheln sammeln: es wieder gut oder besser machen

Doch, es ist gut, dass das Hobby der Muschelsammler ausstirbt. Ja, auch das schwarze Schaf weint dem Muscheln sammeln eine kleine Träne hinterher. Ein weiteres Kindheitsglück – futsch. Dafür vielleicht das Glück, die Insel so zu bewahren, wie sie ist.

Also: Du kannst Muscheln sammeln, sortieren und damit am Strand spielen, deine Kinder dürfen damit Sandburgen garnieren. Alles gut. Nur, lass sie dann einfach liegen. So schwer es auch fallen mag.

Der Ausweg? Umschulen!

Müll (auch vergessene Sonnenbrillen) sammeln ist viel besser

Müll (auch vergessene Sonnenbrillen) sammeln ist viel besser

Auf Muschelzeichner, Muschelstatistiker oder Muschelfotograför!

Werde Architekt von Sandburgen und -nuraghen mit Muschelapplikationen!

Noch besser: Werde Plastik- statt Muschelsammler!

Material ist da leider mehr als genug. Säckeweise kannst du es abtransportieren und tust noch etwas Gutes.

Getreu dem schwarzschafigen Motto: Nimm nichts mit außer einem Foto, hinterlasse nichts, außer deinen Spuren im Sand. Und mach die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser.

 

(Artikel zuerst veröffentlicht im Juni 2016).

1 Comment

  1. Ursula Gruemann Demagistri

    13. Juni 2017 at 14:53

    Im letzten September habe ich einen deutlich rosa Streifen in Santa Teresa, Rena bianca, vorgefynden – zauberhaft!

    Reply

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